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DEUTSCHLAND/WELT

 

04.10.2010 | Frankfurt/Main

Melinda Nadj Abonji erhält Deutschen Buchpreis

 

Zum ersten Mal geht der Deutsche Buchpreis an einen Roman aus der Schweiz: Die Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji aus Zürich hat mit dem Buch «Tauben fliegen auf» die beste literarische Neuerscheinung des Jahres geschrieben. Dies entschied eine Jury am Montagabend in Frankfurt am Vorabend der Buchmesse.

 

Die 42-jährige Abonji, deren Muttersprache Ungarisch ist, stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien. Im Finale setzte sie sich überraschend gegen fünf weitere nominierte Romane durch.

«Ich danke der Jury, dass Sie gelesen hat und nicht bereits gesetzte Namen bestätigt hat», sagte sie mit zittriger Stimme bei der Verkündung im Römer (Rathaus). Im autobiografischen Roman der Autorin geht es um die Geschichte einer ungarischen Familie aus der serbischen Vojvodina, die in die Schweiz übersiedelt und sich dort eine Existenz in der Gastronomie aufbaut. Mit großem Einfühlungsvermögen zeichne das Buch «das vertiefte Bild eines gegenwärtigen Europa im Aufbruch, das mit seiner Vergangenheit noch lang nicht abgeschlossen hat», begründete die Jury ihre Wahl.

 

Der vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels organisierte Preis ist mit insgesamt 37 500 Euro dotiert, die Siegerin erhält davon 25 000 Euro. Der Preis wurde 2005 zum ersten Mal vergeben. Er hat sich seither zur Literaturauszeichnung mit der größten öffentlichen Resonanz entwickelt.

 

Abonji, die auch Musikerin ist, zählte unter den sechs Finalisten zu den Außenseitern. Als einer der Favoriten galt Peter Wawerzinek mit seinem Roman «Rabenliebe», in dem er sich sein Kindheitstrauma von der Seele schrieb. Der Berliner Autor war einst von seiner Mutter bei deren Flucht in den Westen als Waise in der DDR zurückgelassen worden. Auch Thomas Lehr mit seinem ehrzeigen Romanprojekt «September. Fata Morgana» waren gute Chancen eingeräumt worden.

Nominiert waren außerdem Jan Faktors Schelmenroman «Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bimbams von Prag», Doron Rabinovici mit seiner jüdisch-wienerischen Tragikomödie «Andernorts» und Judith Zander mit ihrem Epos «Dinge, die wir heute sagten» aus der ostdeutschen Provinz.

 

Für die Auszeichnung haben die deutschsprachigen Verlage fast 150 Neuerscheinungen eingereicht. Die mit Literaturkritikern besetzte Jury hatte zuerst eine «Longlist» von 20 Titeln erstellt. Dann wurde diese Liste Anfang September auf sechs Titel (Shortlist) reduziert.

 

Der Sieger-Roman hat es in den vergangenen Jahren regelmäßig auf die Bestsellerliste geschafft. 2009 ging der Preis an Kathrin Schmidt («Du stirbst nicht»). Ein Jahr zuvor war Uwe Tellkamp («Der Turm») der Gewinner.

Quelle: dpa

www.deutscher-buchpreis.de

Melinda Nadj Abonjis Roman "Tauben fliegen auf"

Wie ein Ufo aus dem Weltall rollt der schokoladenbraune Chevrolet in ein Bauerndorf in der serbischen Vojvodina. Während der Fahrer den Triumph seiner Rückkehr nach Hause genießt, recken auf der Rückbank seine beiden kleinen Töchter die Hälse, um zu sehen, «ob noch alles so ist wie im letzten Sommer».

 

Bereits die erste Szene in Melinda Nadj Abonjis Roman «Tauben fliegen auf» führt die Gegensätze vor Augen, zwischen denen nicht nur die Erzählerin - die Tochter Ildiko - emotional zerrieben wird.

 

Denn die Familie Kocsis kommt nur zu Besuch in ihre alte, in den Augen der Kinder paradiesische Heimat. Zu Hause ist sie jetzt im Jahre 1980 in Zürich in der Schweiz. Und aus dieser scheinbar sicheren Perspektive ihrer neuen Existenz erleben sie im Laufe der nächsten zwanzig Jahre, wie mit den Kriegen von Nachbarn gegen Nachbarn und dem Auseinanderbrechen des Vielvölkerstaates Jugoslawien ihre Wurzeln gekappt werden.

Die Autorin, die selbst der ungarischen Minderheit Serbiens angehört und wie ihre Protagonisten in Zürich lebt, hat mit ihrem Roman am Montagabend in Frankfurt den Deutschen Buchpreis 2010 gewonnen. Abonji beschreibt in ihrer eigenwillig-melodischen Sprache, in langen, ineinander verschachtelten Sätzen und vielen Zeitsprüngen, wie die Eltern der beiden Mädchen einst «mit einem Koffer und einem Wort» - dem Wort Arbeit - in der Schweiz angekommen sind und sich von einer Wäscherei bis zu Betreibern eines beliebten Cafés hochgeschuftet haben.

 

Es wird viel verschwiegen in dieser Familie. Fremdenfeindliche Attacken - wie die bis zu den Wänden mit Kot besudelte Toilette des Cafés - werden schweigend hingenommen, denn, so konstatiert Ildiko bitter, «Jugo und Scheiße, das passt zusammen». Auch und vor allem über den drohenden Krieg auf dem Balkan wird nicht geredet, denn «das Politische bringt Gift». Ertragen kann der Vater sein Schweigen nur mit viel Alkohol, solange wenigstens, bis sich der ferne Krieg wie ein Lauffeuer bis ans eigene Lokal am Ufer des Zürichsees heran gefressen hat.

Mutiger als ihre Familie stellt sich Ildiko den Tatsachen, wohl wissend, dass das Elysium ihrer Kindheit bei ihrer Mamika, ausschweifenden Dorffesten und Traubisoda für immer entschwunden sein wird. Der Krieg wird nicht nur zum Dauergesprächsthema der Cafégäste, sondern treibt auch einen Keil zwischen die Angestellten des Lokals: «Dragana und ich, zwei Tiere, die sich in die Augen schauen, wir, die Todfeinde sein müssen, weil Dragana bosnische Serbin ist oder serbische Bosnierin?»

 

Die Feindschaft zwischen ehemaligen Nachbarn zerstört auch die erste Liebe zu dem jungen Serben Dalibor, «weil es im Krieg eben nicht reicht, die Lebenden zu töten». Am Ende verlässt die junge Frau ihre Familie und bezieht eine schäbige Wohnung an der Stadtautobahn - Sinnbild ihrer eigenen Heimatlosigkeit, aber auch des Aufbruchs.

 

Der Roman ist nicht einfach zu lesen, zumal sich Sätze mitunter über ganze Seiten hinziehen. Wer sich aber auf den Rhythmus der Sprache und ihren Schwung einzulassen bereit ist, wird immer wieder mit intensiven Stimmungsbildern belohnt. Raffiniert ist die Erzählperspektive: Denn Ildiko und damit auch der Leser erfährt nur aus der Distanz heraus, aus Anrufen und Erzählungen von Verwandten, was Krieg anzurichten vermag.

Quelle: dpa

Tauben fliegen auf
von Melinda Nadj Abonji


Seiten: 314 (gebunden)
ISBN: 978-3-9024-9778-9
Verlag: Jung und Jung

 

www.jungundjung.at

 

Erscheinung: 28. Juli 2010

 

Preis: 22,- Euro

 

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Es ist ein schokoladenbrauner Chevrolet mit Schweizer Kennzeichen, mit dem sie zur allgemeinen Überraschung ins Dorf einfahren, und die Dorfstraße ist wirklich nicht gemacht für einen solchen Wagen. Sie, das ist die Familie Kocsis, und das Dorf liegt in der Vojvodina im Norden Serbiens, dort, wo die ungarische Minderheit lebt, zu der auch diese Familie gehört.

Oder, richtiger, gehörte. Denn sie sind vor etlichen Jahren schon ausgewandert in die Schweiz, erst der Vater und dann, sobald es erlaubt war, auch die Mutter mit den beiden Töchtern, Nomi und Ildiko, und Ildiko ist es, die das hier alles erzählt. So auch den Besuch im Dorf, der dann nicht der einzige bleibt, Hochzeiten und Tod rufen sie jedesmal wieder zurück ins Dorf, wo Mamika und all die anderen Verwandten leben, solange sie leben.
Zuhause ist die Familie Kocsis also in der Schweiz, aber es ist ein schwieriges Zuhause, von Heimat gar nicht zu reden, obwohl sie doch die Cafeteria betreiben und obwohl die Kinder dort aufgewachsen sind. Die Eltern haben es immerhin geschafft, aber die Schweiz schafft manchmal die Töchter, Ildiko vor allem, sie sind zwar dort angekommen, aber nicht immer angenommen. Es genügt schon, den Streitigkeiten ihrer Angestellten aus den verschiedenen ehemals jugoslawischen Republiken zuzuhören, um sich nicht mehr zu wundern über ein seltsames Europa, das einander nicht wahrnehmen will. Bleiben da wirklich nur die Liebe und der Rückzug ins angeblich private Leben?

» Zu den Buchtipps von 105'5 Spreeradio Buchexperte Dr. Rainer Moritz «

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