DEUTSCHLAND/WELT
17.03.2009

17.03.2009 | Leutenbach (dpa)
Der offene Brief der Familie von Amokläufer Tim K.
Die Eltern und die Schwester des Amokläufers von Winnenden haben sechs Tage nach der Bluttat ihr Schweigen gebrochen und erstmals den Opfern von Tim K. ihr Mitgefühl ausgesprochen. In einem von ihrem Rechtsanwalt verbreiteten offenen Brief schreiben sie an alle Hinterbliebenen der 15 Todesopfer:
"Ihnen wurde das Wertvollste und Wichtigste, ein geliebter Mensch, durch die entsetzliche und unbegreifbare Tat unseres Sohnes und Bruders genommen. Immer und immer wieder fragen wir uns, wieso dies geschehen konnte. Warum wir seine Verzweiflung und seinen Hass nicht bemerkt haben. Bis zu dem furchtbaren Geschehen waren auch wir eine ganz normale Familie. Wir hätten Tim so etwas nie zugetraut und kannten ihn anders.
Wir sind bestürzt und stehen weinend und stumm vor der unfassbaren Tragödie. Unser tiefstes Mitgefühl möchten wir den Opfern, Angehörigen und Freunden aussprechen. Alle unsere Gedanken sind auch bei den körperlich und seelisch Verletzten.
Leutenbach, den 17.03. 2009"

In Baden-Württemberg wird es an diesem Mittwoch um 10.00 Uhr eine landesweite Gedenkminute geben. Bei der zentralen Trauerfeier für die Opfer an diesem Samstag werden dann nach ersten Schätzungen bis zu 100 000 Besucher in Winnenden erwartet - darunter Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).
Die Ermittler sehen unterdessen einen deutlichen Zusammenhang zwischen den Killerspielen von Tim K. und dem Blutbad mit 16 Toten. Bei der Durchsuchung des Zimmers des 17-jährigen Todesschützen waren Gewaltfilme und Computer-Ballerspiele wie «Counter-Strike» gefunden worden. «Da hat schon was stattgefunden und sich was angebahnt», sagte Baden-Württembergs Innenminister Heribert Rech (CDU) am Dienstag in Stuttgart. Tim K. hatte am vergangenen Mittwoch 15 Menschen erschossen, darunter neun Schüler und drei Lehrerinnen in seiner ehemaligen Schule. Zuletzt erschoss er sich selbst.
Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) sprach sich für ein hartes Vorgehen gegen Gewalt in elektronischen Medien aus: «Ich bin da persönlich zu sehr restriktiven Maßnahmen bereit.» Der Bundestag will am Mittwoch über Konsequenzen aus dem Amoklauf beraten. Experten bestreiten seit Jahren, dass es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Gewaltspielen und Amokläufen gibt.

Unter großer Anteilnahme von Schülern, Kollegen, Freunden und Angehörigen wurden am Dienstag zwei Lehrerinnen und ein Schüler beigesetzt, die von dem Amokläufer erschossen worden waren. Eine der Pädagoginnen wäre an diesem Tag 25 Jahre alt geworden. Die andere war 26 Jahre alt und mit einem Polizisten verheiratet, der beim Einsatz gegen den Amokläufer vom Tod seiner Frau erfahren hatte. In München gedachten fast 200 Menschen auf dem Odeonsplatz der Opfer des Amoklaufs.
Nach dem vorläufigen Obduktionsergebnis hat sich Tim K. am Ende seiner Flucht mit einem Kopfschuss selbst gerichtet. Seine Leiche wurde bereits am vergangenen Freitag freigegeben. Wann Tim K. beigesetzt wird, ist nicht bekannt.
Die Polizei prüft weiter, ob Tim K. die Tat im Internet angekündigt hat. Rech sagte, «vieles spricht dafür», dass die Ankündigung in einem Chatroom im Internet gefälscht wurde. Dennoch werde auch der beschlagnahmte Computer der Mutter überprüft. Es gebe auch Hinweise, dass der 17-Jährige Internet-Cafés aufsuchte. Die Ermittler warten weiter auf Informationen des in den USA sitzenden Betreibers des Chatrooms, um den Sachverhalt zu klären.
Die Schüler der Albertville-Realschule müssen vom kommenden Montag an wieder zum Unterricht - aber an anderen Schulen. Ob in der Realschule jemals wieder unterrichtet wird, sei noch unklar, sagte Kultusminister Helmut Rau (CDU).
Nach Angaben Rechs gab es seit dem Amoklauf allein in Baden- Württemberg 52 Trittbrettfahrer, die die Polizei mit Drohungen in Atem hielten. Gegen fünf Nachahmungstäter wurde Haftbefehl erlassen. «Wir müssen davon ausgehen, dass mit weiteren Trittbrettfahrern zu rechnen ist», sagte Rech.




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