DEUTSCHLAND/WELT

28.11.2010 | Seoul/Peking
Nordkorea stellt angeblich neue Raketen auf - China will vermitteln
Die Lage auf der koreanischen Halbinsel ist an einem kritischen Punkt. Nordkorea soll wegen eines Seemanövers der USA und Südkoreas Raketen in Startposition gebracht haben. Südkorea rechnet mit weiteren Provokationen. Jetzt schlägt China Krisengespräche vor.
Nach dem Angriff Nordkoreas auf eine südkoreanische Insel verschärft sich der Konflikt zwischen beiden Ländern weiter. Unbeeindruckt durch Warnungen Nordkoreas begannen die US-Streitkräfte zusammen mit Südkorea am Sonntag ein neues Seemanöver, um militärische Stärke zu demonstrieren. Nordkoreas Militär brachte deswegen nach Medienberichten weitere Raketen nahe der umstrittenen Seegrenze in Startposition. Das kommunistische Land drohte erneut mit Militärschlägen, sollte die Grenze zu seinen Hoheitsgewässern verletzt werden.

China startete unterdessen eine diplomatische Vermittlungsinitiative. Die Führung in Peking schlug multilaterale Krisengespräche unter Beteiligung der beiden koreanischen Staaten, der USA, Russlands, Japans und Chinas vor.
Fünf Tage nach dem Beschuss der Insel Yonpyong durch die nordkoreanische Artillerie begannen am Sonntagmorgen die gemeinsamen Marine- und Luftwaffenübungen der USA und Südkorea im Gelben Meer. Das viertägige Manöver findet nach Angaben des südkoreanischen Militärs allerdings weiter südlich der Seegrenze vor der Küstenstadt Taean statt, die etwa 150 Kilometer von Seoul entfernt ist.
Mit dem Großmanöver, an dem auch der Flugzeugträger «USS George Washington» mit 75 Kampfjets und etwa 6000 Soldaten teilnimmt, wollen die beiden Bündnispartner ein Signal der Abschreckung an das Regime in Pjöngjang senden. Das Manöver, das schon seit langem geplant gewesen sei, sei verteidigungsorientiert, hieß es.

Über seine staatlichen Medien drohte Nordkorea: «Wir werden einen brutalen militärischen Schlag bei jeder Provokation ausführen, die unsere Territorialgewässer verletzt.» Nordkorea, das die gemeinsamen Truppenmanöver der USA und Südkoreas stets als Provokation kritisiert, hatte am Samstag wegen des neuen Manövers in Südkorea vor unkalkulierbaren Folgen gewarnt.
Bei dem Beschuss der Insel Yonpyong am Dienstag wurden zwei Soldaten und zwei Zivilisten getötet. Es war einer der schwerwiegendsten Zwischenfälle seit dem Ende des Korea-Kriegs (1950-53). Südkorea hatte das Feuer aus Nordkorea erwidert. Den Vorwurf Nordkoreas, zuerst geschossen zu haben, weist Seoul zurück. Nordkorea hatte am Samstag nach seinem Angriff den Tod von zwei Zivilisten bedauert. Nordkorea gab jedoch Südkorea die Schuld dafür.
Südkoreas Militär stelle sich auf «weitere Provokationen» des Nachbarlandes ein, zitierte die nationale Nachrichtenagentur Yonhap einen Regierungsbeamten in Seoul. Nordkorea habe an der Westküste neben Boden-Schiffraketen mit Reichweiten von über 90 Kilometern auch Boden-Luftraketen vom Typ SA-2 mit einer Reichweite von bis zu 30 Kilometern an der Westküste startbereit gemacht. Nordkorea habe seine Feuerkraft an der Küste deutlich verstärkt.

Das Verteidigungsministerium in Seoul rief am Sonntag alle Journalisten auf Yonpyong auf, die Insel zu verlassen. Das Militär könne die Sicherheit der Reporter nicht garantieren.
Unter massivem internationalen Druck, seinen Einfluss auf das befreundete Regime in Pjöngjang zu nutzen, zeigte sich Chinas Regierung am Wochenende erkennbar bemüht, die angespannte Lage auf der koreanischen Halbinsel zu entschärfen. China schlug vor, dass die Chefunterhändler der sogenannten Sechs-Parteien-Gespräche Anfang Dezember in Peking zusammenkommen sollen.
Der Unterhändler Wu Dawei betonte, dass es sich nicht um eine Wiederaufnahme der eigentlichen Sechser-Gespräche handeln würde, die im April 2009 von Nordkorea einseitig abgebrochenen wurden. Im Mittelpunkt der seit 2003 laufenden Sechser-Gespräche steht die Beendigung des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms.

Südkorea reagierte auf den Vorschlag zurückhaltend. Ein Treffen der Unterhändler für die Atomgespräche sollte «sehr vorsichtig» geprüft werden, teilte das Außenministerium in Seoul mit. In der Erklärung hieß es, eine Serie von Provokationen durch Nordkorea hätten sich auf die Bemühungen negativ ausgewirkt, die richtigen Bedingungen für die Sechser-Gespräche zu schaffen.
Südkoreas Präsident Lee Myung Bak rief bei Gesprächen mit dem obersten chinesischen Außenpolitiker, Staatsrat Dai Bingguo, in Seoul die Führung in Peking auf, mit Blick auf die Beziehungen zwischen Süd- und Nordkorea eine «verantwortungsbewusste und faire» Haltung einzunehmen. Damit könne China einen Beitrag zum Frieden leisten, wurde Lee von einem Sprecher zitiert.




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