DEUTSCHLAND/WELT

14.03.2011 | Berlin
Amtswechsel in Stasi-Unterlagen-Behörde
Der frühere DDR-Oppositionelle Roland Jahn übernimmt an diesem Montag die Stasi-Unterlagen-Behörde. Bei einem Festakt in Berlin wird der 57-Jährige in sein Amt eingeführt. Zugleich verabschiedet Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums (18.00) die bisherige Leiterin der Bundesbehörde, Marianne Birthler. Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin leitete die Behörde rund zehn Jahre.
Jahn ist nach Joachim Gauck und Birthler dritter Leiter der Behörde mit rund 1600 Mitarbeitern. Neben dem Kulturstaatsminister wird bei der Amtsübergabe auch Bundestagspräsident Norbert Lammert sprechen. Neumann hatte Jahn bereits als Persönlichkeit mit beeindruckender Biografie gewürdigt. Laut Kulturstaatsminister bleibt die Aufarbeitung des SED-Unrechts zentrales Anliegen der Bundesregierung.

Der Fernsehjournalist Jahn wurde Ende Januar vom Bundestag mit absoluter Mehrheit gewählt. Er bekam auch Stimmen von der Links-Fraktion. Der aus Thüringen stammende Bürgerrechtler war 1983 nach Stasi-Haft gegen seinen Willen aus der DDR ausgebürgert worden. Jahn hatte es als Genugtuung bezeichnet, als einst Stasi-Verfolgter jetzt die Akten des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit verwalten zu dürfen. Er wolle als Anwalt der Opfer agieren.
Indes warf der Chef des Berliner Forschungsverbundes SED-Staat, Klaus Schroeder, der scheidenden Bundesbeauftragten Versäumnisse vor. Birthler habe es nicht geschafft, die Bundesbehörde eng mit anderen Institutionen zur Aufklärung zu verknüpfen. In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa sagte der Historiker von der Freien Universität Berlin: «Frau Birthler war eine Repräsentantin der Behörde aufgrund ihrer untadeligen Biografie - die Linie aber haben die Verwaltungsleute bestimmt.»

Die 63-Jährige scheidet nach zwei Amtszeiten turnusmäßig aus. Sie hatte die Wahl von Jahn begrüßt. Der Ostdeutsche vertrete die Aufarbeitung glaubwürdig und unabhängig. Bei der Stasi-Unterlagen-Behörde wurden seit ihrer Gründung rund 2,75 Millionen Anträge auf persönliche Einsicht in Stasi-Akten gestellt. Das Interesse an der Stasi-Hinterlassenschaft sei ungebrochen.
Der neue Mann an der Spitze der Institution kündigte im Nachrichtenmagazin Focus an, den Umgang mit Stasi-belasteten Mitarbeitern der Behörde gründlich zu überprüfen. Ein Sprecher sagte, in der Behörde arbeiteten zur Zeit noch 40 ehemalige
Stasi-Mitarbeiter.
Quelle: dpa
13.03.2011 | Berlin
Roland Jahn: Anwalt der Opfer und Mannschaftsspieler
Als Roland Jahn zum neuen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gewählt wurde, saß er neben den bisherigen Amtsinhabern Marianne Birthler und Joachim Gauck. Es sind drei frühere Oppositionelle, die dafür eintreten, dass die Aufarbeitung der SED-Diktatur weiter geht. Für den 57-jährigen Jahn ist es auch eine persönliche Genugtuung: Dutzende Stasi-Spitzel waren einst auf ihn angesetzt, nun wird Jahn an diesem Montag neuer Herr über die Hinterlassenschaft der DDR-Staatssicherheit. Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) führt ihn in Berlin in das Amt ein.

Gegen seinen Willen war der aus Jena (Thüringen) stammende Bürgerrechtler im Juni 1983 aus der DDR abgeschoben worden. Der Ostdeutsche engagierte sich in Oppositionsgruppen und war den DDR-Oberen schon früh ein Dorn im Auge. 1977 flog der Student der Wirtschaftswissenschaften von der Uni, nachdem er gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestiert hatte. Als Transportarbeiter bei Carl Zeiss Jena musste er sich dann «in der Produktion bewähren». Doch er war nicht kleinzukriegen: Jahn protestierte weiter und unterstützte öffentlich die polnische Gewerkschaft Solidarnosc.
Mehrmals wurde der Oppositionelle von Polizei und Stasi verhört und saß monatelang in Haft. Wegen «öffentlicher Herabwürdigung der staatlichen Ordnung» bekam er im Januar 1983 eine Haftstrafe von 22 Monaten. Internationale Proteste bewirkten, dass er vorzeitig entlassen wurde. Doch der Dissident ließ das SED-Regime nicht in Ruhe. Er war Mitgründer der Oppositionsgruppe Friedensgemeinschaft Jena, die mit Transparenten demonstrierte, bis Jahn gewaltsam aus der DDR abgeschoben wurde. Gegen seinen Willen, in einem verriegelten Bahnabteil. Stasi-Minister Erich Mielke hatte einen extra «Maßnahmeplan» gegen Jahn.

Vom Westen aus machte Jahn unbeirrt weiter und unterstützte die zurückgebliebenen Bürgerrechtler. «Das haben nicht so viele gemacht», sagt Jahn rückblickend. Auch im damaligen West-Berlin wurde er von der Stasi bespitzelt.
Der Mann mit der zähen Energie sorgte dafür, dass der Einsatz der DDR-Opposition in westlichen Medien vorkam. So konnten mit einer geschmuggelten Kamera Bilder der Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989 mit zehntausenden Demonstranten im West-Fernsehen ausgestrahlt werden. Viele DDR-Bürger fühlten sich so ermutigt, auf die Straße zu gehen.
Zuerst als freier Journalist, dann als Redakteur des ARD-Politikmagazins «Kontraste» produzierte Jahn seit fast 25 Jahren kritische Reportagen und sorgte dafür, dass in Filmbeiträgen über die SED-Diktatur aufgeklärt wird. Seit 2006 war er bei dem RBB-Magazin Chef vom Dienst.
Verbittert sei er nie gewesen, sagt Jahn. «Aber damals, das freie Leben im Westen war nur die halbe Wahrheit», der Verlust der Heimat und Familie habe ihm zu schaffen gemacht. Als die Mauer 1989 fiel, habe er erst vor der Kamera gestanden und sei noch in derselben Nacht zu seinen Eltern gefahren.
Viele Oppositionelle hätten es schwerer gehabt und litten weiter an den Folgen von Gefängnis und Bespitzelung. «Die brauchen mehr Unterstützung», sagte Jahn der dpa. Er sehe sich als Anwalt der Opfer. In dem neuen Amt wird er als erstes die Stasiopfer-Gedenkstätte in Hohenschönhausen besuchen. Auch was die Stasi Familien angetan habe, müsse weiter aufgeklärt werden, findet Jahn, der 1998 mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt wurde.

Als «Typ Krawattenträger» gilt er nicht. Der früher begeisterte Fußballspieler sieht sich als Mannschaftsspieler. Diese Eigenschaft wird Jahn brauchen, denn in der Amtszeit des neuen Bundesbeauftragten geht es auch um die Zukunft der Behörde mit derzeit rund 1600 Mitarbeitern. Wie er mit den noch beschäftigten früheren Stasi-Leuten in der Behörde umgeht, dazu wollte sich Jahn noch nicht äußern.
«Ich stelle mich gern neuen Herausforderungen», sagte Jahn der dpa. «Die Aufarbeitung der Strukturen der DDR-Staatssicherheit ist seit vielen Jahren mein Anliegen und das wird weitergehen.» Er stehe für Transparenz und sei gegen eine Schlussstrich-Debatte. Nicht Rache gegen alte Stasi-Leute sei sein Anliegen. «Ich will Gerechtigkeit.»




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