DEUTSCHLAND/WELT
30.03.2009

30.03.2009 | Berlin (dpa)
Bahnchef Mehdorn tritt zurück
Bahnchef Hartmut Mehdorn tritt nach massivem Druck wegen der Datenaffäre zurück. Er habe dem Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Müller eine Auflösung seines Vertrages angeboten, sagte der 66-Jährige am Montag bei der Bilanzpressekonferenz in Berlin. Er gehe davon aus, dass noch vor der Sommerpause ein Nachfolger vorgestellt werde. Mehdorn stand fast zehn Jahre an der Spitze der bundeseigenen Bahn. Sein Vertrag lief noch bis 2011.
Mehdorn betonte, er habe sich persönlich nichts Unrechtes vorzuwerfen. Er bekräftigte, dass es bei Datenabgleichen und Kontrollen von E-Mails keine strafrechtlich relevanten Vorgänge gegeben habe. In der aufgeheizten Diskussion sei eine sachliche Aufklärung nicht möglich.
Als Vorstandschef trage er selbstverständlich die Gesamtverantwortung für das, was in der Deutschen Bahn passiert oder eben nicht. Das sei unabhängig davon, ob er davon gewusst habe oder nicht. «Dieser Verantwortung will ich mich nicht entziehen», sagte er.
Ein Führungswechsel sei in der derzeitigen Wirtschaftskrise ein zusätzliches Risiko für das Unternehmen. Dies müssten aber andere verantworten. Mehdorn beklagte, es handele sich in der derzeitigen Debatte um eine «Kampagne zur Veränderung der Unternehmensführung und der Unternehmenspolitik.»
Porträt: Mehdorn hat die Bahn geprägt

In seinen fast zehn Jahren an der Spitze der Deutschen Bahn hat Hartmut Mehdorn dem bundeseigenen Konzern seinen Stempel aufgedrückt - und die einstige Behörde auch mit Zukäufen auf einen ehrgeizigen neuen Kurs getrimmt.
Aus dem national tätigen Eisenbahnanbieter wurde ein weltweit agierender Transporteur, der ebenso in der Luft, zur See und auf der Straße Fracht befördert. Im Ringen um die Strategie des letzten großen Staatsunternehmens eckte der streitlustige Manager aber immer wieder an. Sein großes Ziel eines Börsengangs hat der 66-Jährige vorerst nicht erreicht.
Auf den Schleudersitz bei Europas größtem Verkehrskonzern holte den studierten Ingenieur Ende 1999 der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Der Auftrag: die Sanierung bis zum Erreichen der Kapitalmarktreife. Den wirtschaftlichen Erfolg der «Ära Mehdorn» erkennen inzwischen selbst Kritiker seines ruppigen Stils an: Von operativ 1,5 Milliarden Euro Verlust 1999 ging es aufwärts bis operativ 2,9 Milliarden Euro Gewinn 2007. «Man soll sich zwar nicht selber loben, aber im Grunde glaube ich schon, dass ich viel erreicht habe», sagte Mehdorn einmal selbst.
Auf der politischen Bühne hat der oberste Eisenbahner jedoch etliche Widersacher. Trotz aller Kämpfe «überlebte» Mehdorn aber bislang fünf Verkehrsminister, nicht zuletzt dank enger Drähte ins Kanzleramt. Brenzlig wurde es für den Konzernboss mehrfach: So 2003, als ein neues Preissystem nach einem Proteststurm der Kundschaft nach wenigen Monaten einkassiert werden musste. Im Herbst 2004 wackelte sein Stuhl, nachdem Pläne für einen Börsengang noch 2006 von Bund und Aufsichtsrat abrupt gestoppt wurden. Im vergangenen Oktober musste Mehdorn dann den greifbar nahen Börsengang wegen der Finanzkrise wenige Tage vor dem Ziel bis auf weiteres abblasen. Jetzt braut sich die Datenaffäre für ihn bedrohlich zusammen.
Der Berliner Fabrikantensohn und Vater dreier erwachsener Kinder ist ein eher hemdsärmeliger Managertyp. Auch gibt sich der studierte Maschinenbauingenieur, der mit einer Französin verheiratet ist, nicht gern geschlagen. So nahm er 1995 seinen Hut, als er nicht den Chefposten beim Luft- und Raumfahrtkonzern Deutsche Aerospace bekam, und wechselte an die Spitze der Heidelberger Druckmaschinen. Von dort ging es zur Bahn. Dass es ihm dort bei den Börsenplänen um persönliche Meriten gehe, hat er immer als Unsinn bezeichnet: «Ich pfeife auf ein Denkmal. Und wenn es darum ginge, hätte ich es schon.»




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