DEUTSCHLAND/WELT


09.05.2011 | Berlin/Potsdam
Volkszählung - Wie viele sind wir eigentlich?
Der Staat zählt sein Volk. Die Vorbereitungen zum Zensus 2011 sind fast geräuschlos und ohne Proteste von statten gegangen. Nun wird es aber ernst: Die ersten Bürger werden mit Fragebögen konfrontiert.
Stell Dir vor, es ist Volkszählung und keiner kriegt es mit: So scheint es bei der größten Befragung der Bürger seit fast 25 Jahren zu sein. An diesem Montag geht es los, und von Protesten wie noch in den 1980er Jahren in Westdeutschland fast keine Spur. Dabei wertet der Staat sogar Daten aller Bürger aus - er fragt aber nicht alle direkt. Neben allen Immobilienbesitzern und Bewohnern von Gemeinschaftsunterkünften wie Wohnheimen oder Gefängnissen werden in Berlin nur vier Prozent der Einwohner gefragt, in Brandenburg sind es zwölf Prozent.
In Berlin schwärmen nun etwa 1800 Interviewer aus, um die zufällig ausgewählten Bürger zu befragen. In Brandenburg sind es wegen der höheren Zahl an Interviews rund 4300. Es handele sich zumeist um Freiwillige aus der öffentlichen Verwaltung, erklärt Karsten Wenzel, Zensus-Koordinator für Berlin. Sie tragen einen speziellen Ausweis bei sich.

Befragt werden immer alle Menschen, die in einem Haus an einer zufällig bestimmten Adresse wohnen - bei einem Plattenbau können das Hunderte sein, bei einem Einfamilienhaus nur wenige. Die Ausgewählten müssen die Interviewer nicht in die Wohnung lassen, sie können auch per Post oder online antworten. Vor falschen Antworten sind die Statistiker dabei nicht völlig gewappnet; schließlich wollen sie die Informationen, die zur Kontrolle nötig wären, ja erst gewinnen. «Da sind natürlich im Zweifel unsere Möglichkeiten begrenzt», sagt Wenzel. Es könne nur auf Unstimmigkeiten geachtet werden, wenn beispielsweise der angebliche Professor gar kein Abitur habe.
Am Ende der Erhebung - also voraussichtlich im August - könnten in der ganzen Region mehr als eine Million Menschen Angaben gemacht haben. Darunter viel mehr Brandenburger als Berliner. Denn in der Mark gibt es mehr Immobilienbesitzer und mehr kleine Gemeinden. Nach Angaben der Statistiker gilt: Je kleiner der Ort, desto höher ist der Anteil der Bürger, die befragt werden müssen. «Damit die Ergebnisse genauso gut sind wie in den großen Gemeinden», erklärt Wenzel

Die staatlichen Statistiker sollen auf Anordnung der EU künftig alle zehn Jahre die Menschen im Land zählen. Dafür werten sie nun vor allem Melderegister und Daten der Bundesagentur für Arbeit aus. In den Melderegistern sollen sich nach Expertenschätzung mehr als eine Million fehlerhafter Einträge verbergen. So viel könnte die Einwohnerzahl Deutschlands kleiner sein als derzeit angenommen.
Zusätzlich will der Staat Erkenntnisse über den Bestand an Wohngebäuden sowie die Lebens- und Arbeitsgewohnheiten der Deutschen gewinnen. Die gewonnenen Zahlen sind Grundlage für vieles: Vom Zuschnitt der Wahlkreise bis zur Verteilung von Geldern innerhalb Deutschlands oder der EU.
Deutschlands oberster Datenschützer, Peter Schaar, kritisiert an der Zählung, dass die Daten erst nach spätestens vier Jahren anonymisiert werden müssten. «Das wäre aber für uns ein peinliches Armutszeugnis, wenn wir vier Jahre brauchen, um diese Erhebung auszuwerten», sagt Statistiker Wenzel. Die Datensätze würden so schnell wie möglich von Hilfsangaben wie Name und Adresse befreit, versichert er. Ende 2012 soll als erstes die Bevölkerungszahl veröffentlicht werden, dann könnten auch erste Daten anonymisiert werden. Der Abschluss der Auswertung ist für Mai 2013 angepeilt.

Indes wollen sich Bürgerrechtler des Arbeitskreises Zensus gegen die Zählung wehren. Beim Landesverfassungsgericht reichten sie Beschwerde gegen das Berliner Zensus-Ausführungsgesetz ein. Mit Einführung der sogenannten Steueridentifikationsnummer seien die Melderegister bereits von falschen Einträgen bereinigt worden, sagt Sandra Müller vom Arbeitskreis. «Es muss es also keine Volkszählung geben, denn die Daten sind bereits auf dem neusten Stand.»
Eine Klage von Datenschützern gegen das Bundes-Zensusgesetz war vom Bundesverfassungsgericht aber nicht angenommen worden. 1983 hatte Karlsruhe noch die Fragebögen zur damals geplanten Volkszählung verworfen. Viele Bürger boykottierten dann die Erhebung im Jahr 1987 trotz überarbeiteter Fragen. Laut dem für den Zensus 2011 verabschiedeten Bundesgesetz ist allerdings jeder befragte Bürger zur Teilnahme verpflichtet. Wer nicht mitmacht, muss mit einem Zwangsgeld rechnen. «Wir bleiben hartnäckig», kündigt Statistiker Wenzel an.
Quelle: dpa
Zensus-Website Berlin-Brandenburg: www.zensus-berlin-brandenburg.de
Bundesweite Zensus-Website mit Fragebögen: www.zensus2011.de
Zensusgesetz: www.gesetze-im-internet.de/zensg_2011/index.html
Verfassungsbeschwerde AK Zensus Berlin (pdf)... »
Website AK Zensus: zensus11.de




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