DEUTSCHLAND/WELT

30.05.2011 | Talokan
Isaf: Anschlag in Talokan kein Selbstmordattentat
Der verheerende Anschlag im nordafghanischen Talokan war offenbar doch kein Selbstmordattentat. Nach vorläufigen Erkenntnissen der internationalen Schutztruppe Isaf und des afghanischen Geheimdienstes NDS tötete ein ferngezündeter Sprengsatz zwei deutsche Soldaten und fünf Afghanen.
Bei dem Anschlag im Amtsgebäude des Gouverneurs der Provinz Tachar war mit dem deutschen Regionalkommandeur Markus Kneip erstmals auch ein Isaf-General verletzt worden.
Insgesamt wurden sechs Bundeswehrsoldaten verwundet, darunter eine Frau schwer. Ihr Zustand war am Montag aber stabil. Die Trauerfeier für die Gefallenen findet am Freitag in Hannover statt. Bundesaußenminister Guido Westerwelle äußerte sich während einer Indien-Reise sehr besorgt über die Lage in Afghanistan, ließ aber keinen Zweifel an der Fortsetzung der bisherigen Strategie am Hindukusch. «Es gibt schreckliche Rückschläge», sagte er. «Trotzdem müssen wir jetzt geordnet die Abzugsperspektive umsetzen.»

Kern der Afghanistan-Strategie der internationalen Staatengemeinschaft ist das so genannte «Partnering», die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte in engster Zusammenarbeit auch an vorderster Front. Der Anschlag in Talokan hatte die Diskussion über dieses Konzept wieder angeheizt, weil der oder die Attentäter unter den Uniformierten vermutet wurden.
Der afghanische Geheimdienst überraschte am Montag mit dem Ermittlungsergebnis, dass der Sprengsatz ein oder zwei Tage vor dem Anschlag in der Eingangshalle des Gebäudes versteckt und dann ferngezündet wurde. Der oder die Attentäter müssten Verbindungen in das Büro des Gouverneurs haben, sagte NDS-Sprecher Lutfullah Maschal der Nachrichtenagentur dpa in Kabul. Sprengstoffexperten seien zu dem Schluss gekommen, dass es sich um einen versteckten Sprengsatz und nicht um einen Selbstmordanschlag gehandelt habe. Zudem seien weder Leiche noch Körperteile eines Attentäters gefunden worden. Es habe erste Festnahmen gegeben.

Wenige Stunden später bestätigte auch die Isaf die Ermittlungsergebnisse im Kern. «Es hat sich allem Anschein nach nicht um einen Selbstmordattentäter gehandelt, sondern um einen ferngezündeten Sprengsatz in oder an einer Gebäudewand», sagte ein Sprecher in Masar-i-Scharif der Nachrichtenagentur dpa. «Die Feststellungen des afghanischen Geheimdienstes decken sich mit ersten Untersuchungsergebnissen von Isaf.»
Die verletzten deutschen Soldaten sollen an diesem Dienstag zur weiteren medizinischen Versorgung nach Deutschland gebracht werden. Kneip wird wahrscheinlich nach drei Wochen in den Einsatz zurückkehren. Bis dann wird der Kommandeur des Bundeswehrkontingents und der gesamten Isaf im Norden Afghanistans von Brigadegeneral Dirk Backen aus dem nordrhein-westfälischen Augustdorf vertreten.

Die Bundeswehr wird am Freitag in Hannover mit einer zentralen Trauerfeier von den insgesamt drei Soldaten Abschied nehmen, die in der vergangenen Woche in Afghanistan getötet wurden. Bereits am Mittwoch fiel in Kundus ein 33-jähriger Hauptmann bei einem Sprengstoffanschlag auf eine Bundeswehrpatrouille. Bei den beiden in Talokan getöteten Soldaten handelt es sich um einen 31-jährigen Hauptfeldwebel aus Niedersachsen und einen 43-jährigen Major aus Rheinland-Pfalz. Neben Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) wird auch Kneip bei der Trauerfeier erwartet.
Im Süden des Landes wurde erneut ein Isaf-Soldat von einem Attentäter in afghanischer Armeeuniform erschossen. Nach afghanischen Angaben handelte es sich bei dem Opfer um einen Australier.
Die Isaf entschuldigte sich unterdessen für die versehentliche Tötung mehrerer Kinder und Zivilisten bei einem Luftangriff in der südafghanischen Provinz Helmand. Nach Angaben der Provinzregierung waren bei dem Bombardement in der Nacht zu Sonntag zwölf Kinder und zwei Frauen getötet worden. Der Isaf-Regionalkommandeur, US-Generalmajor John Toolan, sprach in einer Mitteilung von neun getöteten Zivilisten.




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