DEUTSCHLAND/WELT

14.07.2011 | München
Leo Kirch ist tot - Kampfgeist bis zuletzt
Leo Kirch war lange Zeit einer der mächtigsten Medienunternehmer in Deutschland. Er herrschte über mehrere Fernsehsender mit 10 000 Beschäftigten. Am Donnerstag starb er im Alter von 84 Jahren.
Der Medienunternehmer Leo Kirch ist tot. Im Alter von 84 Jahren starb der Gründer der Kirch-Gruppe nach langer Krankheit am Donnerstag. Über Jahrzehnte war er einer der einflussreichsten Medienmanager in Deutschland. «Unser geliebter Ehemann, Vater, Bruder, Dr. Leo Kirch, ist heute im Kreise seiner Familie friedlich verstorben. Wir sind sehr traurig», ließ seine Familie in München mitteilen.

Kirch hatte aus dem Nichts einen der größten Film- und Fernsehkonzerne Europas mit fast 10 000 Beschäftigten aufgebaut. Neben der größten Spielfilm-Sammlung mit weit über 10 000 Titeln sowie rund 40 000 Stunden Serien gehörten ihm früher die Fernsehsender ProSieben, SAT1, N24 und DSF.
Bei der rasanten Expansion ging Kirch immer wieder mal das Geld aus. Doch mit Hilfe seiner guten Kontakte zu Banken und politischen Schaltstellen beschaffte sich der gewiefte Geschäftsmann mehrfach milliardenschwere Kapitalspritzen.
Besonders auf seine guten Beziehungen in Bayern konnte er sich jahrzehntelang verlassen. Auch mit Altbundeskanzler Helmut Kohl pflegte Kirch einen engen Kontakt und war Trauzeuge bei dessen zweiter Hochzeit.
Am Ende aber hatte Kirch vor allem zu viele Milliarden in den Bezahlsender Premiere gepumpt und musste Insolvenzantrag stellen. Seit der Pleite im Jahr 2002 machte Kirch den früheren Chef der Deutschen Bank, Rolf Breuer, für den Niedergang verantwortlich und kämpfte in mehreren Prozessen gegen ihn und die Deutsche Bank.

Breuer hatte wenige Monate vor der Pleite der Kirch-Gruppe 2002 in einem Interview die Kreditwürdigkeit Kirchs angezweifelt. Nach dem Interview hätten die Banken ihm kein Geld mehr gegeben, meinte Kirch.
Wenige Monate vor seinem Tod traf er erstmals im Gericht auf seinen Kontrahenten Breuer. Damals war Kirch schon sichtlich krank. Er kam im Rollstuhl ins Gericht und hatte Mühe, zu sprechen. Auf ärztlichen Rat brachen die Richter die Befragung schließlich ab.
Kirch litt seit langem unter den Folgen von Diabetes und verlor schon vor Jahren einen Großteil seines Augenlichts. Trotzdem kam er auch noch nach der Pleite der Kirch-Gruppe fast täglich in sein Büro in der Münchner Innenstadt.
Wie es mit dem Prozess nun weitergehen wird, ist unklar. Das Oberlandesgericht München war am Donnerstag zunächst nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Auch die Deutsche Bank äußerte sich zunächst nicht zum Tod von Leo Kirch.
Quelle: dpa

07.2011 | München
Leo Kirch - Porträt: «Der Herr der Filme»
Mit 29 Jahren borgte sich Leo Kirch Geld und sicherte sich die Rechte am Filmklassiker «La Strada. Er stieg zu einem der mächtigsten Film- und Fernsehmogule auf. Vor neun Jahren brach sein Imperium zusammen, er selbst blieb Unternehmer und schillernde Figur.
Leo Kirch hat hoch gepokert und viel verloren. Aus eigener Kraft hat der Sohn eines fränkischen Winzers einen der mächtigsten Film- und Fernsehkonzerne Europas mit fast 10 000 Beschäftigten aufgebaut. Doch im Frühjahr 2002 musste Kirch im Alter von 75 Jahren zusehen, wie sein Lebenswerk zerbrach: Die Kirch-Gruppe war pleite. Umwerfen ließ sich Kirch davon aber nicht. «Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen», sagte der gläubige Katholik lakonisch und arbeitete in den folgenden Jahren trotz gesundheitlicher Probleme infolge von Diabetes aus seinem Münchner Stadtbüro weiter und mischte im Verborgenen auch in der Medienbranche mit. «Kirch ist bis zum letzten Atemzug Unternehmer», sagte ein langjähriger Vertrauter einmal über ihn. Am Donnerstag starb Leo Kirch im Alter von 84 Jahren im Kreise seiner Familie.

Jahrzehntelang war Kirch die graue Eminenz der deutschen Medienlandschaft. Kirch galt als unersättlich, gewieft und risikobereit - eine Kombination, die nicht nur seine Gegner fürchteten. Auch in der Öffentlichkeit mischte sich die Bewunderung für den «Herren der Filme» mit zunehmender Größe seines Konzerns mit einer Furcht vor einem übermächtigen «Big Brother» aus Bayern. Wie bei kaum einem anderen deutschen Unternehmen war der Name des Gründers verknüpft mit dem seines Konzerns. Lange Zeit konnte er aus seinem Büro in der Firmenzentrale in Ismaning bei München ohne Kontrollmechanismen Milliarden bewegen und die deutsche Medienkonkurrenz in Angst und Schrecken versetzen.
Durch seine Zurückhaltung in der Öffentlichkeit - lange Zeit gab es nicht einmal Fotos von dem Unternehmer - wurde der Mythos noch verstärkt. Einen seiner wenigen öffentlichen Auftritte hatte Kirch im Mai 2008 als Trauzeuge bei der zweiten Hochzeit von Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl, mit dem er persönlich befreundet war. Die guten Kontakte Kirchs zu einflussreichen Politikern und großzügige Kredite der Banken trugen in Kirchs besten Jahren zum Eindruck des machtbesessenen Medienmoguls bei. «Wenn Leo Kirch in Schwierigkeiten kommt, freut sich halb Deutschland», schrieb der Medienwissenschaftler und SPD-Politiker Peter Glotz im Juni 1998 über den «ungeliebten Tycoon». Damals war die Fusion des Digitalfernsehens DF1 mit Premiere untersagt worden - für Kirch eine schwere Niederlage.

Bis zuletzt schaffte es Kirch nicht, mit seinem Traum vom Bezahlfernsehen Geld zu machen. Am Ende wurden ihm die Milliardeninvestitionen in seinem Abo-Sender Premiere und das waghalsige Engagement in der Formel 1 zum Verhängnis. Wie ein Kartenhaus brach sein Imperium im Frühjahr 2002 zusammen. Kirch verabschiedete sich damals in einem Brief von den Mitarbeitern, dankte ihnen für die treue Zusammenarbeit und wünschte Ihnen «Gottes Segen».
Aber Kirch hat trotz der Pleite viel bleibendes hinterlassen. Seine Firmengruppe wurde unter neuen Besitzern aufgeteilt und existiert größtenteils noch immer, die meisten Beschäftigten konnten ihre Jobs behalten. Für die Insolvenz machte Kirch den früheren Deutsche Bank-Chef Rolf Breuer verantwortlich, der sich in einer kritischen Phase öffentlich über die Kreditwürdigkeit der Kirch- Gruppe geäußert hatte. Kirch überzog Breuer und die Deutsche Bank mit Klagen, in denen er milliardenschweren Schadenersatz forderte. Im März trafen die beiden in einem Prozess vor dem Münchner Oberlandesgericht erstmals aufeinander. Kirch saß nach jahrelanger Krankheit im Rollstuhl, machte dabei aber einen fast vergnügten Eindruck.

Seinen Geschäftssinn hatte Leo Kirch bereits im Alter von 29 Jahren bewiesen. Damals sicherte er sich mit geliehenem Geld in Italien die Rechte an dem Filmklassiker «La Strada». In den Jahren darauf wurde er zu einem der wichtigsten Zulieferer der Filmbranche in Europa. Neben der größten Spielfilm-Sammlung mit weit über 10 000 Titeln sowie rund 40 000 Stunden Serien gehörten ihm bis zur Insolvenz die Fernsehsender ProSieben, SAT.1, N24 und DSF.
Zusätzlich sicherte sich Kirch für Milliarden die Übertragungsrechte an Fußball- Weltmeisterschaften. Auch bei der WM 2010 wollte Kirch im Alter von 83 Jahren, inzwischen schon fast blind, noch einmal mitmischen. Seinen Plan für schwimmende Luxushotels in den Häfen der südafrikanischen WM-Städte Durban und Port Elisabeth blies er kurz vor Beginn aber mangels Nachfrage ab. Leo Kirch blieb zwar bis zuletzt Unternehmer - aber nicht mehr um jeden Preis.




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