SPORT
06.07.2009

06.07.2009 | Berlin (dpa)
Pechstein kontert Franke - Urteil erst im Herbst
Die wegen Blutdopings zwei Jahre gesperrte Claudia Pechstein hat die Bewertung ihres Falls durch den Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke scharf kritisiert. Ein Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes CAS wird frühestens im Herbst fallen.
Pechstein muss sich auf eine nervige Wartezeit einstellen, die Juristen und Wissenschaftler auf eine Verhandlung mit «Hauen und Stechen». Das von der Sportwelt erwartete Grundsatz-Urteil des Internationalen Sportgerichtshofes CAS im Fall der gesperrten Eisschnelllauf-Olympiasiegerin werde frühestens im Herbst fallen, erklärte ein erfahrener CAS-Richter der Deutschen Presse-Agentur dpa. Er prophezeite für die Haupt-Verhandlung in Lausanne «eine Schlacht der Sachverständigen». Die angebliche Doping-Sünderin setzte unterdessen ihre Medien-Offensive fort und verzichtete sogar auf das geplante Eistraining in Berlin, um zum nächsten Interview nach München zu fliegen.

In der richtungweisenden CAS-Verhandlung wird es für Pechsteins Juristen nun darum gehen, die Verlässlichkeit der Messtechnik zu untergraben. So wird mit Sicherheit in die Waagschale geworfen, dass ihre Blutwerte auch von Laboren gemessen wurden, die nicht von der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA akkreditiert sind. Bei einem Erfolg vor dem CAS, droht der ISU eine Schadensersatzklage in Millionenhöhe, bestätigte Pechstein. Sollte sie einen Start bei Sommerwettkämpfen denken, muss beim CAS eine sogenannte «vorläufige Maßnahme» beantragt werden, über die relativ schnell - in ein bis zwei Wochen - entschieden werden kann. Mit der eigentlichen Hauptverhandlung hätte dies aber nichts zu tun. Das vom CAS gefällte Urteil habe endgültigen Charakter, betonte der CAS-Jurist, der ungenannt bleiben wollte.
Während Pechstein nur ein leichtes Radtraining absolvierte, polterte der frühere Arzt der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), Volker Smasal, gegen den Verband. «Solch ein Versteckspiel darf es nicht geben. Ich will nicht einmal ausschließen, dass Claudia Pechstein Opfer des eigenen Verbandes geworden ist», sagte Smasal, der bis zu den Spielen 2006 in Turin Teamarzt der Deutschen war und damit direkt mit Pechstein zu tun hatte. Eine eigene Mitwisserschaft könne er «nachdrücklich ausschließen». Die Disziplinarkommission des Weltverbandes ISA hatte über die zweijährige Doping-Sperre für Pechstein ohne positiven Befund entschieden und damit für ein Novum in der Sportgeschichte gesorgt. Bisher war nur US-Sprinterin Marion Jones ohne Positiv-Test gesperrt worden, hatte aber Doping selbst zugegeben.

Der anerkannte Doping-Experte Fritz Sörgel sieht Pechstein vor dem CAS nicht so chancenlos, wenn sie lückenlos alles auf den Tisch lege. Gleichzeitig forderte er eine aktivere Rolle der Nationalen Anti- Doping Agentur NADA, die mit dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zeitnah eine statistische Erhebung vorlegen soll: «Experten müssen sich an einen Tisch setzen und eine Wahrscheinlichkeit ermitteln, wie häufig so ein Retikulozyten-Wert in der Bevölkerung überhaupt entstehen kann.»
Die «absolut ungewöhnlichen» Profile der fünfmaligen Olympiasiegerin überraschten sogar ihn. «Es ist phänomenal, wie niedrig ihre Hämatokrit- und Hämoglobin-Werte sind. Sie liegen ja sogar teilweise unter den Normalwerten», meinte der Professor aus Nürnberg, aus dessen Sicht nun die Verhandlung vor dem CAS sehr harte Anforderungen an die Wissenschaft stellt. «Die Sache wird keine triviale Geschichte.» Der neue Code der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA sei noch nicht zu Ende gedacht. Die seit dem 1. Januar gültigen Bestimmungen ermöglichen den Dopingjägern, Athleten nur anhand einer Indizienkette zu sperren. «Wir brauchen mehr Mathematik und Statistik - mehr Wahrscheinlichkeitsrechnung.»
Pechstein empörte sich unterdessen über die Bewertung ihres Falls durch den Heidelberger Molekularbiologen Werner Franke. Sie verlange von ihm «wissenschaftliche Nachweise», nicht nur «sein übliches Geschwätz», sagte die 37-Jährige in einem Interview mit dem «Berliner Kurier». Franke hatte eine krankhafte Erhöhung der Retikulozyten ausgeschlossen und die Argumentation ihrer Anwälte als «hanebüchenen Unsinn» bezeichnet. «Scheinbar benötigen wir gar keine anderen Gutachten und Experten. Franke scheint in der Lage zu sein, alles schnell und auf Anhieb zu erläutern», wetterte Pechstein.
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