SPORT
12.07.2009

12.07.2009 | Berlin (dpa)
Experten-Verwirrung um Pechsteins Hämoglobin-Werte
Experten sind verwirrt, Trainer fühlen sich nicht zuständig, und der deutsche Verband beklagt eine schlampiges Verhalten der ISU: In der Causa Claudia Pechstein droht die Formfehler-Debatte die eigentliche Wahrheitsfindung zu überschatten.
Für Armin Baumert, den Vorstands-Vorsitzenden der Nationalen Anti- Doping-Agentur NADA, sind die jüngsten Vorstöße der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) nur «juristische Spitzfindigkeiten» und «verständliche Manöver», die vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS keinen Bestand haben werden.
«Egal, was die DESG und ihr Anwalt da erzählen: Der WADA-Code gilt. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Juristen des Weltverbandes in den zurückliegenden vier Monaten nicht alles getan haben, um die Beweise wasserdicht vorzulegen», sagte Baumert der Deutschen Presse Agentur dpa. Er reagierte damit auf die Aussagen von DESG-Anwalt Marius Breucker, der der ISU vorgeworfen hatte, die Zwei-Jahres- Sperre für Claudia Pechstein wegen angeblichen Blutdopings nicht entsprechend der eigenen Verbands- Regularien ausgesprochen zu haben.
Während unter prominenten Wissenschaftlern am Wochenende einige Verwirrung über weitere Blutwerte bei Pechstein herrschte, hatte Breucker bekanntgemacht, dass der Weltverband den seit 1. Januar geltenden WADA-Code offenbar nicht in seine Regularien übernommen habe. Alle internationalen Spitzenverbände hätten den WADA-Code bestätigt und handelten danach, konterte Baumert. Damit sei eine Sperre aufgrund von Indizien auch ohne positiven Befund möglich.

«Die DESG betreibt eine Vorwärts-Verteidigung, vielleicht muss sie irgendwann erkennen, dass sie sich für die falsche Sache engagiert», konstatierte Baumert und gab seiner Überzeugung Ausdruck, dass das Urteil des CAS «nie und nimmer an Formalien scheitern» werde. Baumert kritisierte indirekt, dass Breucker sowohl für die Welt-Anti-Doping- Agentur WADA wie auch für einen betroffenen Verband tätig sei. «Es ist schwierig, wenn die gleichen Personen verschiedene Hüte aufsetzen. Dadurch wird die Sache nicht leichter.»
DESG-Präsident Gerd Heinze verteidigte die Strategie des Verbandes. «Wir wollten damit zeigen, wie amateurhaft die ISU ihre Regeln aufgestellt hat», begründete er das Vorgehen, fügte aber hinzu: «Wir sind für Blutprofile, wir wollen Aufklärung und keineswegs den Eindruck erwecken, dass wir mit einer Formfehler- Debatte irgendetwas unter den Tisch kehren wollen.»
Überraschend machte jedoch der Nürnberger Doping-Experte Fritz Sörgel in einem Gastkommentar im «Tagesspiegel» offenkundig, dass in Pechsteins Blutprofil zwischen dem 6. und 9. Februar 2004 innerhalb von drei Tagen auffällige Hämoglobin-Abfälle zu registrieren seien, nachdem am 6. Februar ein erhöhter Wert von 16,5 gefunden worden war. «16,5 ist genau der Grenzwert, ab dem eine Sperre ausgesprochen werden kann», bestätigte Teamarzt Gerald Lutz. Sörgel empfahl Pechtein, ihr Blutbild in einer zweiwöchigen Quarantäne beobachten zu lassen. «Das wird sie nicht machen», prophezeit Armin Baumert.

«Jede Seite versucht jetzt, verschiedene Kleinigkeiten herauszukehren. Alle sollten sich darauf konzentrieren, einen Nachweis zu erbringen, ob Blutdoping vorliegt oder eine Erkrankung Ursache der hohen Werte bei den Retikulozyten ist», meinte hingegen ISU-Vizepräsident Gerd Zimmermann im dpa-Interview und warnte vor einem Urteil wegen Formfehlern: «Das wäre nicht nutzbringend. In der ISU herrscht nach dem Fall sicher eine Art Ausnahmezustand. Ein Urteil wegen Formfehlern wäre nicht die günstigste Lösung.»
Die gesperrte Sportlerin hat sich unterdessen seit vier Tagen einen «Maulkorb» verpasst, um sich aufs Training zu konzentrieren. Ihr Coach Peter Mueller will sich allerdings nicht darauf festlegen, ob und wann die Olympiasiegerin wieder in seine Trainingsgruppe zurückkehren kann. «Ich habe da nichts zu sagen. Das entscheidet der norwegische Verband», erklärte der Amerikaner.
Indes hat ihr pensionierter Ex-Trainer Joachim Franke «mit Vehemenz» Medienberichte bestritten, wonach er wieder die Trainer- Tätigkeit bei Pechstein übernommen hat. «Da hat jemand gesponnen. Ich bin überrascht, wie eine solche Meldung in die Medien kommt», reagierte der 69-Jährige. Es sei festgelegt, dass die Athletin in Berlin mit den deutschen Männern trainiere. «Und dabei bleibt es auch. Es gibt nicht einmal eine Anfrage von Claudia, ob ich sie wieder übernehmen wollte», sagte Franke der dpa. Tatsache sei aber, dass er zu bestimmten Zeiten Stufenläufe auswerte und mit den Ergebnissen vergangener Jahre vergleiche, räumte der Berliner ein.




Kommentare