SPORT

16.11.2009 | Düsseldorf (dpa)
Löw geht voran: «Positiv nach vorne denken»
Bundestrainer Joachim Löw schreitet beim Balance-Akt zurück in die Normalität des fußballerischen Alltags voran.
Nach dem bewegenden Abschied von Robert Enke würdigte der Bundestrainer bei seiner ersten öffentlichen Wortmeldung nach der Selbstmord-Tragödie nochmals den «außergewöhnlichen Torhüter und Menschen», den die deutsche Nationalmannschaft verloren habe. «Er hat Fairness und Teamorientierung vorbildlich gelebt», sagte Löw. Der ganz in schwarz gekleidete DFB-Chefcoach richtete den Blick in Düsseldorf aber auch schneller als von vielen erwartet auf das Länderspiel am 18. November gegen die Elfenbeinküste. «Selbstverständlich geht das Leben irgendwo weiter. Man muss positiv nach vorne denken. Das Spiel steht unter anderen Zeichen, aber wir werden alles tun, in die Normalität zurückzukommen», erklärte Löw.
Inwiefern das in der Kürze der Zeit gelingen kann, konnte aber auch der 49-Jährige nicht abschätzen. «Ob eine außergewöhnliche Leistung möglich ist, kann ich nicht versprechen», sagte er unter dem Eindruck einer Trainingseinheit, die ohne Kapitän Michael Ballack stattfand, der wegen einer leichten Knieblessur auch gegen die Westafrikaner ausfallen wird. Angesichts der außergewöhnlichen Umstände stufte Löw das 825. Länderspiel der DFB-Auswahl nicht mehr als richtungweisenden WM-Test ein: «Unsere WM-Vorbereitung beginnt im März in München gegen Argentinien.»

Auch der Bundestrainer hat bewegte Tage hinter sich, geprägt von Trauer und der allseits gestellten Frage nach dem Warum. Besonders hilfreich war für ihn persönlich ein Telefonat mit Dirk Enke, dem Vater von Robert. «Das Gespräch war für beide Seiten wichtig. Er hat mir einige Dinge erklärt», berichtete Löw, der aus dem Gespräch diese Schlussfolgerung zog: «Ich denke, wir hätten Robert nicht von seinem Vorhaben abbringen können. Wir dürfen uns da keine Vorwürfe machen.»
Löw forderte als Konsequenz aus Enkes Selbstmord zukünftig auch im beinharten Fußball-Geschäft sensibler mit bisherigen Tabuthemen umzugehen, «eine Schwäche zu tolerieren» und in einer Gemeinschaft wie der Nationalmannschaft «Mut zur Menschlichkeit zu zeigen und zu leben». Aber er bekannte sich auch ehrlich zur Nationalelf als Leistungsgesellschaft: «Wir müssen absolute Leistung bringen und absolute Spitzenleistung verlangen. Der Konkurrenzkampf um die Plätze ist auch wichtig. Das wird so sein und muss auch so sein. Darüber gibt es keine Diskussionen», formulierte der Bundestrainer.
Im Spiel gegen die Elfenbeinküste aber wird diese Vorgabe für 90 Minuten außer Kraft gesetzt. Denn keiner kann im Vorfeld die Macht der Emotionen in der Schalke-Arena abschätzen. Ein Trikot von Robert Enke wird auf der deutschen Bank zwischen den Ersatzspielern ausgebreitet werden und vor dem Anpfiff ein Film an den achtmaligen Nationalspieler erinnern. «Mit Sicherheit wird es kein normales Länderspiel werden», erklärte Teammanager Oliver Bierhoff. Löw mahnte aber auch dazu, eine Balance zu finden: «Ich denke, es ist nicht gut, wenn man allzuviel vor dem Spiel macht.»

Die gewohnten Abläufe sollen Spielern, Trainern und Betreuern in der Vorbereitung helfen, den Spagat zwischen Trauer und Fußball zu bewältigen. Man müsse es schaffen, «durch Trainingseinheiten den normalen Rhythmus» aufzunehmen, sagte Löw, der genau beobachten möchte, «wer die Kraft hat, eine gute Leistung zu bringen». Michael Ballack scheidet dabei nach dem Verzicht auf die Bayern-Angreifer Miroslav Klose und Thomas Müller aus; der Kapitän wird wegen einer Reizung an der Kniefalte nicht spielen. «Es macht keinen Sinn, ein Risiko einzugehen», sagte Löw. Ballack wird aber im Stadion sein.
Der Leverkusener Stefan Kießling, mit acht Toren Top-Torschütze der Bundesliga, wird in seinem dritten Länderspiel dagegen erstmals in der deutschen Startelf stehen. «Er hat über Wochen bei Bayer Leverkusen hervorragende Leistungen gezeigt», begründete Löw. Noch offen ließ er weitere Personalentscheidungen, darunter auch die Torwartfrage. Möglich ist aber, dass sich der Schalker Manuel Neuer und der Bremer Tim Wiese diese Aufgabe teilen werden. «Wir werden das im Trainerteam durchdenken und dann entscheiden», kündigte Löw an. Sein erklärtes Ziel ist es, gegen den WM-Teilnehmer Elfenbeinküste mit Top-Star Didier Drogba ein konzentriertes und konkurrenzfähiges Team aufbieten, das sich zumindest nach besten Kräften darum bemüht, «den Zuschauern ein attraktives Spiel zu zeigen».
Die voraussichtliche Aufstellung:
Neuer - Boateng, Mertesacker, Westermann, Lahm - Schweinsteiger, Hitzlsperger - Hunt, Özil, Podolski - Kießling
Am Sonntag, dem 15.11.2009 hatten zehntausende Menschen von Robert Enke Abschied genommen. Mehr Infos zur Trauerfeier lesen Sie auf den nächsten Seiten.




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