SPORT


17.05.2010 | Sciacca
«Fall für Zwei»: Schweinsteiger/Khedira übernehmen
Die Kapitänsbinde wird er wohl nicht übernehmen, aber auf dem Rasen muss Bastian Schweinsteiger bei der Fußball-WM nun die Chefrolle von Michael Ballack ausfüllen.
Auch Bundestrainer Joachim Löw hatte sofort den logischen Notfall-Plan parat, in dem der 25 Jahre alte Bayern-Profi nach dem WM-Ausfall von Anführer Ballack die Hauptlast im Mittelfeld der deutschen Nationalelf übernehmen soll. «Auf dieser Position ist Bastian Schweinsteiger jetzt noch mehr in der Verantwortung», betonte Löw in Sizilien.
«Ich lass mich da nicht zu sehr verrückt machen. Ich bin mit am längsten dabei, da hab ich Verantwortung sowieso», kommentierte Schweinsteiger gelassen und fügte selbstbewusst hinzu: «Wenn ich eine gute WM spiele, kann ich auch andere mitziehen.»
Löw traut dem 73-maligen Nationalspieler die Herkulesaufgabe zu. «Bastian Schweinsteiger hat in den vergangenen Monaten bei uns und bei Bayern München schon mehr Verantwortung übernommen», würdigte der DFB-Chefcoach die rasante Entwicklung des Münchners vom «Schweini zum Mann», wie es Bayern-Präsident Uli Hoeneß zuletzt beschrieben hatte.

Ballack und Schweinsteiger - so stellte sich Löw die Doppel-Sechs für Südafrika vor. Jetzt muss er seinen «Fall für Zwei» neu lösen. Erster Anwärter auf den Assistenten-Job von Schweinsteiger ist der 23 Jahre junge Stuttgarter Sami Khedira, dessen Potenzial im defensiven Mittelfeld Löw sehr schätzt: «Diese zwei Spieler sind jetzt gefragt.»
Schweinsteiger und Khedira haben in der Nationalmannschaft in der neuen Rollenverteilung noch nicht zusammengespielt. Und Löw muss auch noch bis nach dem Champions-League-Finale warten, ehe er sein aus der Not geborenes neues Sechser-Duo in Training und Wettkampf erproben kann. Nur 180 Testspiel-Minuten - am 29. Mai gegen Ungarn und am 3. Juni gegen Bosnien-Herzegowina - bleiben vor dem WM-Ernstfall am 13. Juni in Durban gegen den ersten WM-Gruppengegner Australien.
Nach seiner Versetzung ins zentrale Mittelfeld durch Vereinscoach Louis van Gaal hat Schweinsteiger beim FC Bayern an der Seite von Mark van Bommel bewiesen, dass er die zentrale Rolle ausüben kann. «In der Mitte habe ich meine Stärken», betont Schweinsteiger, der in der Nationalelf bei den vergangenen großen Turnieren stets auf den Flügeln zum Einsatz kam.
Khedira ist ein Wagnis: Der Stuttgarter, dessen WM-Teilnahme wegen einer Knieverletzung in der Bundesliga-Rückrunde kurzzeitig gefährdet schien, hat in drei Länderspielen nur 104 Spielminuten absolviert. Allerdings bewies Khedira beim VfB Stuttgart und auch als Kapitän der deutschen U-21-Auswahl, die 2009 Europameister wurde, sein spielerisches Potenzial und auch sein Talent zum Führungsspieler.

Als Sechser-Alternative nannte Löw zudem Khediras noch unerfahreneren VfB-Kollegen Christian Träsch namentlich. Außerdem hat Abwehrspieler Heiko Westermann bei Schalke 04 oft im defensiven Mittelfeld gespielt. Auch Philipp Lahm setzte Löw schon einmal auf dieser wichtigen Position ein; beim 2:1 am 22. August 2007 in London gegen England spielte der kleine Münchner auf Anhieb groß auf. Allerdings wird Lahm bei der WM in der Abwehr gebraucht.
Die wichtige Sechser-Position hält Löw im WM-Jahr in Atem: Vor Ballack hatte bereits den Leverkusener Simon Rolfes (Knie) das WM-Aus ereilt. Thomas Hitzlsperger stürzte in eine Formkrise, wurde zum Härtefall bei der Nominierung. Und Routinier Torsten Frings von Werder Bremen hatte der Bundestrainer zu Jahresbeginn aussortiert.
DFB-Teammanager Oliver Bierhoff erteilte einer Rückkehr von Frings eine Absage. «Torsten hat wahnsinnig viel für die Nationalmannschaft gemacht. Aber nach der Analyse in diesem Jahr sind die Trainer zu dem Schluss gekommen, dass er hier in diesen Kreis jetzt nicht gehört», sagte Bierhoff in einer ARD-Sondersendung. Es gebe auch keinen akuten Handlungsbedarf. «Wir haben 27 Spieler in den erweiterten Kreis nominiert, um eventuelle Verletzungen ausgleichen zu können», sagte der Manager.

17.05.2010 | Sciacca/München
Schock für Deutschland: WM ohne Ballack
Fußball-Deutschland steht unter Schock, Michael Ballack ist verbittert: Ohne seinen «Capitano» ist Joachim Löws WM-Titelmission in Südafrika erst einmal zur Utopie geworden. «Wir waren geschockt, keine Frage», sagte der Bundestrainer nach dem Erhalt der Hiobsbotschaft vom folgenschweren WM-Aus für den 33- jährigen Ballack am Montag. «Ich bin sauer, ganz klar», äußerte Ballack in München mit einer Mischung aus Wut und grenzenloser Enttäuschung nach der «schlimmsten Diagnose» in seiner Karriere.
Löw erlaubte sich und seiner in Sizilien sofort zusammengetrommelten Mannschaft allerdings nur einen Moment der Niedergeschlagenheit. Dann schaltete er im Trainingslager in Sciacca sofort auf Schadensbegrenzung um. «Von Resignation kann bei uns keine Rede sein», versicherte der Chefcoach trotzig: «Ich bin nach wie vor überzeugt, dass wir eine gute WM spielen werden. Jetzt müssen wir es schaffen, aus jedem Spieler alles herauszukitzeln.»
Das Wort «WM-Titel» nahm Löw nach dem Ballack-Schock aber erst einmal nicht mehr in den Mund. Stattdessen verkündete er vorsichtig Etappen-Ziele auf dem nun noch schwierigeren Weg zum Finale am 11. Juli in Johannesburg. «Erst wollen wir eine gute Vorbereitung. Dann werden wir alles ausrichten auf die Gruppenspiele», verkündete Löw. Gegner in Gruppe D sind Australien, Serbien und Ghana.

Kapitän Ballack, der eigentlich noch in der WM-Vorbereitung sein 100. Länderspiel absolvieren wollte, erfuhr die niederschmetternde Diagnose nach einer Kernspin-Untersuchung in der Praxis von DFB-Arzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt in München. Der brutale Tritt des ehemaligen deutschen U-21-Nationalspielers Kevin-Prince Boateng, der für das Foul nur die Gelbe Karte gesehen hatte, im englischen Cupfinale hatten bei Ballack ein Innenband und einen Teil des vorderen Syndesmosebandes im Sprunggelenk des rechten Fußes zerstört.
«Wenn man zwei, drei Wochen vor der WM so eine Diagnose erhält, dann ist das bitter», sagte der 98-malige Auswahlspieler Ballack den Tränen nahe. Sein sechstes großes Turnier sollte ihm eigentlich den so lange ersehnten ersten internationalen Titel bringen. Eine neue WM-Chance wird der gebürtige Görlitzer, der im September 34 Jahre alte wird, mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr erhalten. Seine Zukunft beim FC Chelsea ist auch ungewiss.
Erst in acht Wochen kann Ballack überhaupt wieder mit einem Training beginnen. Der verletzte Kapitän traf wie die vier Bremer Pokalfinal-Verlierer am Montagabend im DFB-Quartier in Sciacca ein. Er soll sich nach Angaben des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nun «einige Tage» im Hotel Verdura Resort aufhalten. «Michael hat den Wunsch geäußert, uns noch hier auf Sizilien zu besuchen», sagte Löw.

Der Münchner Bastian Schweinsteiger, der jetzt Ballacks Chefrolle im Mittelfeld übernehmen soll, setzt auf eine Trotz-Reaktion: «Das alles Entscheidende für Deutschland wird sein, dass wir als Team auftreten, jeder für den anderen kämpft.» Vor Ballack hatten auch schon die Leverkusener René Adler, der im Tor als Nummer 1 vorgesehen war, und Simon Rolfes verletzungsbedingt für die WM absagen müssen.
Die Bestürzung war nicht nur im Kreis der Nationalelf groß. «Ich bin unendlich traurig, dass Michael Ballack durch ein solches Foul um seine WM-Teilnahme gebracht wird», sagte DFB-Chef Theo Zwanziger. Für Leverkusen-Trainer Jupp Heynckes ist Ballacks Drama «bitter und tragisch», für den ehemaligen DFB-Teamchef Rudi Völler «brutal und furchtbar». Wolfgang Overath, Weltmeister von 1974, sieht im Ballack-Ausfall «mit Sicherheit einen ganz großen Verlust», aber «auch eine Chance für die Mannschaft - nach dem Motto: Jetzt gibt es eine Trotzreaktion, wir rücken noch enger zusammen.»
Genau diese Stimmung will Löw entfachen. «Es heißt jetzt, alle Kräfte zu bündeln», gab der Bundestrainer als Motto aus. In der Geschichte habe es schon oft die Situation gegeben, dass andere in den Mittelpunkt rücken, wenn jemand ausfällt. «Wir haben viele junge Spieler, wir müssen sehen, dass sie das Selbstbewusstsein bekommen.»

Die Kapitäns-Frage ließ Löw noch offen. Bayern-Routinier Miroslav Klose (31) ist Ballacks Stellvertreter. Aber auch Kollege Philipp Lahm ist wie Schweinsteiger in der engeren Wahl. «Wenn mir die Ehre erteilt wird, werde ich mit Sicherheit nicht Nein sagen», sagte der 26 Jahre alte Lahm.
Als erste Lösung für die Doppel-Besetzung des zentralen Mittelfeldes nannte Löw Schweinsteiger und den Stuttgarter Sami Khedira. «Diese zwei Spieler sind jetzt gefragt», erklärte Löw. «Wenn ich eine gute WM spiele, kann ich auch andere mitziehen», erklärte Schweinsteiger in München selbstbewusst. Als eine Alternative ordnete der Bundestrainer Khediras VfB-Kollege Christian Träsch ein.
Die Wut der Fans richtete sich vor allem gegen den ehemaligen Berliner Kevin-Prince Boateng, der im dritten Gruppenspiel am 23. Juni in Johannesburg mit Ghana gegen das DFB-Team antreten könnte. «Das sah schon nach Absicht aus», hatte Ballack das Foul kommentiert. Löw warb derweil um einen fairen Umgang mit Boateng-Bruder Jérome, der zum vorläufigen deutschen WM-Kader gehört. «Ich habe ihm gesagt, dass wir absolut vorbehaltlos zu ihm stehen. Er ist zwar Familienmitglied, aber er ist völlig unbeteiligt. Ich bitte alle, ihn in die Sache nicht hineinzuziehen», sagte der 50-Jährige.
Auf eine Nachnominierung verzichtet Löw erst einmal. Er zittert aber jetzt noch mehr um die gleich sieben WM-Spieler des FC Bayern, die am 22. Mai im Champions-League-Finale stehen. Ein weiterer Ausfall würde Löw zum Handeln zwingen. So könnte Thomas Hitzlsperger, auf den der Bundestrainer zunächst verzichtet hatte, nach den Regeln des Weltverbandes FIFA sofort mit ins Trainingslager nach Sizilien geholt werden. Eine offiziell Nachnominierung aber ist erst nach dem 1. Juni möglich. Für den Fall müsste der verletzte Ballack zunächst offiziell als WM-Spieler gemeldet werden, um dann einen Ersatz benennen zu dürfen. «Wir müssen abwarten, wie die Bayern-Spieler das Spiel in Madrid überstehen», sagte Löw.
Quelle: dpa




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