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18.06.2010 | Berlin
Nach Vorfreude viel Fan-Frust
Deutschland im Jammertal der Emotionen: Millionen Menschen haben am Freitag quer durch die Republik mit der Nationalmannschaft bei ihrem WM-Spiel gegen Serbien gelitten.
Zur besten Arbeitszeit blieben zwei Stunden lang Werkbänke und PCs still. Straßen waren wie leergefegt, bei Bussen und Bahnen blieben viele Plätze frei. Ob in Büros, Behörden oder Fabriken: Mitten im Berufsalltag erlaubte sich die Wirtschaftsnation den organisierten Stillstand.
Auch auf den Fanmeilen, bisher Hort der Heiterkeit, gab es erstmals Anspannung bis zum Zerreißen. Auf der Berliner Fanmeile vor der Olympiastadion machten sich mehr als 40 000 Menschen Mut. «Alles ist Schwarz-Rot-Gold», berichtete eine Sprecherin der einzigen offiziellen FIFA-Fanmeile in Deutschland. Immer wieder, beim Gegentor, beim Elfmeter-Fehlschuss, war Aufstöhnen in der bunten Menge zu hören. Nach den Freitag-Spielen soll die Party-Zone in der Hauptstadt pausieren und am kommenden Mittwoch (23. Juni) an der Siegessäule zum vielleicht entscheidenden Vorrundenspiel Deutschland- Ghana und weiter bis zum Endspiel am 11. Juli wieder öffnen.

Auch in Hamburg herrschte zunächst prächtige WM-Stimmung. Kurz vor Anpfiff des zweiten deutschen Spiels bei der Fußball- Weltmeisterschaft hatten sich auf dem Fanfest etwa 25 000 bis 30 000 Fans - trotz Nieselregens und der Spielzeit am Mittag. Der Platz vor der 70 Quadratmeter großen Leinwand auf dem Heiligengeistfeld verwandelte sich in ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer. Viele Anhänger hatten Perücken und Hüte auf und trugen Trikot.
In Kantinen und Konferenzsälen im ganzen Land hatten viele Arbeitgeber Großbildleinwände aufgestellt, zum Beispiel beim Versicherungskonzern HDI Gerling in Köln, bei der Gothaer, beim Motorenhersteller Deutz. Adidas als Sponsor von zwölf WM-Teams legte sogar Wert darauf, dass die Mitarbeiter zusehen, wie ihre Produkte in Südafrika benutzt werden und hat in Herzogenaurach gleich zwei Großbildleinwände für betriebliches Public Viewing aufgestellt. Wohlfühlstimmung ist vielen Arbeitgebern wichtig: Im Institut der Deutschen Wirtschaft wird Kölsch ausgeschenkt.

Im «Ländle» Baden-Württemberg gab es Fußball-Pause beim «Schaffe- Schaffe». Unternehmen stellten Bildschirme und Leinwände auf. Bei Bosch, Roche oder EnBW wurden Großbildleinwände aufgestellt. Beim Daimler gab es zwar keine Liveübertragung, im Intranet konnten die Mitarbeiter aber den Spielstand im Live-Ticker verfolgen und an einem Tippspiel teilnehmen.
Nicht nur der Spielverlauf sondern auch das teils kühle und trübe Wetter dämpften in Bayern von Anfang an die WM-Stimmung. Nur wenige Tausend Fußball-Fans kamen zum Public Viewing im Olympiastadion - wo eigentlich 35 000 Platz gehabt hätten. Viele hüllten sich gegen den kühlen Wind in Deutschlandfahnen und versuchten, sich mit Fan- Gesängen warm zu halten. Im Gegensatz zu Berlin, wo sonniges Weltmeister-Wetter herrschte, waren es in München nur etwa 15 Grad. Plätze blieben leer, die Fans blieben lieber vor dem heimischen Fernseher im Warmen und Trockenen.

Entlang der Münchner Fan-Meile, der Leopoldstraße, zog es zahlreiche Fans in die Kneipen. Für das Spiel hatten sie sich teils extra frei genommen. Zwei junge Bankkauffrauen bauten ihre Überstunden ab und hatten sich Blütenkränze in schwarz-rot-gold auf den Kopf gesetzt.
Auf der Ferieninsel Mallorca stürmten tausende Touristen die großen Partytempel. An der Playa de Palma nutzten viele das schöne Wetter, um im warmen Mittelmeer zu baden und anschließend das Fußballspiel zu sehen. Die Riesendisco «Mega-Park» ließ nach eigenen Angaben Ex-Topmodel-Kandidatin und Doku-Soap-Darstellerin Gina-Lisa Lohfink (23) einfliegen, um die Stimmung anzuheizen. Auch beim «Bierkönig» in der Schinkenstraße ging es wieder hoch her. Überall zeigten sich die Fans, überwiegend in Nationaltrikots gekleidet und mit deutschen Fahnen ausgerüstet, in Hochform.
Sehr feinfühlig erwies sich die Stadt Aachen. Um die Stimmung nicht unnötig aufzuheizen, wurde der Speiseplan der Polizeikantine geändert. Dort war ursprünglich für Freitag «Serbische Bohnensuppe» vorgesehen. Diese wäre dann einfach weggeputzt worden. «Fein der polizeilichen Linie des Deeskalationsprinzips folgend» sei der Koch nun auf «Schnittbohnensuppe mit Würstchen und Brötchen» umgeschwenkt. «Die Antwort liegt eben auf'm Platz und nicht in der Kantine!», sagte Polizeisprecher Paul Kemen.





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