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SPORT

 

06.10.2010 | Bochum

Wettskandal-Prozess: 60 000 Euro für den Schiri

 

Die Angeklagten schweigen noch, Anträge der Verteidiger werden zurückgewiesen, die Anklage gleicht einem Tagebuch systematischer Spiel-Manipulation. Vor dem Bochumer Landgericht hat der erste Prozess um den größten Wettskandal im europäischen Fußball begonnen.

 

Die vier Angeklagten aus Lohne, Mönchengladbach, Schweinfurt und Lippstadt sollen käuflichen Sportlern, Trainern, Schiedsrichtern und Funktionären Bargeld zugesteckt haben, um anschließend Wetten auf vereinbarte Spielausgänge zu platzieren. Die höchste Summe soll der Unparteiische der U21-Partie zwischen der Schweiz und Georgien (18. November 2009) erhalten haben: 60 000 Euro.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die regionalen Zuständigkeiten innerhalb der Bande genau aufgeteilt waren. Sobald Spieler bestochen waren, wurden angeblich Drohkulissen aufgebaut. So soll einem Spieler des Regionalligisten SC Verl mitgeteilt worden sein, dass er bereits beim Training beobachtet und später wiedererkannt werde, wenn er die Absprachen nicht einhalte.

 

Besonders bemerkenswert: In der Schweiz soll ein käuflicher Torwart des FC Gossau selbst 20 000 Euro sogar gegen seine eigene Mannschaft gewettet haben. Insgesamt geht es im um 32 mutmaßlich manipulierte Spiele und einen Wettgewinn von 1,6 Millionen Euro. Die 13. Strafkammer des Bochumer Landgerichts hat für den Prozess zunächst noch vier Verhandlungstage bis zum 28. Oktober vorgesehen.

Die Wetten wurden in Deutschland, Österreich, Großbritannien und Ostasien platziert. Bei einem Wettanbieter in Manila konnte zum Beispiel praktisch ohne Limit auf einzelne Spielpaarungen gesetzt werden. «50 Scheine auf Sieg» - so oder ähnlich sollen die Anweisungen an die Mittäter gelautet haben. Besonders großer Einfluss soll auf das belgische Zweitliga-Team Union Royale Namur ausgeübt worden sein. Dort sollen die Täter gleich die gesamten Schulden des Vereins in Höhe von 700 000 Euro übernommen haben.

 

Die Angeklagten selbst haben sich zum Prozessauftakt noch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Anträge der Verteidigung auf Einstellung des Verfahrens wegen fehlender Zuständigkeit des Bochumer Landgerichts wurden zurückgewiesen. Befangenheitsanträge gegen das Gericht sind noch nicht entschieden. Jens Meggers, Verteidiger des Hauptangeklagten Nürettin G. kündigte am Rande des Prozesses jedoch ein umfassendes Geständnis an. Der 35-Jährige habe sich als erster entschlossen, umfassend auszusagen, und sei daher durchaus als «Kronzeuge» zu bezeichnen, erklärte Meggers. Durch seine Kooperation sei es allein in der Türkei zu 70 Festnahmen gekommen.

Laut Anklage hat Nürettin G. unter anderem seine guten Kontakte zu den ehemaligen Spielern des Zweitligisten VfL Osnabrück Thomas Cichon und Marcel Schuon genutzt. Schuon sollen im Vorfeld der Partie zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem VfL vom 13. Mai 2009 seine gesamten Wettschulden in Höhe von 25 000 Euro erlassen worden sein. Cichon, der sich angeblich schon mit dem Abstieg in die dritte Liga abgefunden hat, hat laut Anklage 5000 Euro erhalten.

 

Für die Europäische Fußball-Union (UEFA) beobachtet der Bochumer Rechtsanwalt Michael Emde den Prozess. Für den DFB reiste unter anderen Norbert Weise, stellvertretender Vorsitzender des Kontrollausschusses, an. Weise äußerte Kritik an der Bochumer Justiz. Nach seinen Angaben sei der DFB über das aktuelle Verfahren nicht ausreichend informiert. Weise: «Ich habe erwartet, dass wir auch Unterlagen bekommen, die andere vielleicht nicht bekommen.»

 

Quelle: dpa

Landgericht: www.lg-bochum.nrw.de, www.lg-bochum.nrw.de

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