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Turn-EM in Berlin
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10.04.2011 | Berlin

Nguyen stiehlt Boy die Show - Sieben EM-Medaillen

 

Nach seiner «Bomben-Übung» am Barren ballte er die Faust - als der Sensations-Titel feststand, genoss er nur noch die Ovationen der 6600 Berliner Fans: Marcel Nguyen hat bei den Europameisterschaften mit seinem «Jahrhundert-Erfolg» dem neuen Turn-König Philipp Boy die Show gestohlen.

 

56 Jahre lang hatte es an diesem Gerät nie einen deutschen Sieger gegeben. Der neue Mehrkampf-Europameister Boy rettete nach einer fehlerhaften Übung noch die Silbermedaille am Reck, Nguyen kam knapp dahinter zu Bronze.

Mit nie erhofften sieben Medaillen (2 Gold/3 Silber/2 Bronze) übertrafen die Deutschen damit sogar die Super-EM-Ergebnisse von Mailand 2009 und Birmingham 2010 (jeweils 2/1/3) und waren so stark wie noch nie in der Historie des Deutschen Turner-Bundes. Auch die DDR-Turner schnitten in der EM-Geschichte nie erfolgreicher ab. Daher sprach Sportdirektor Wolfgang Willam von einer «gefühlten Sensation».

 

Wohl niemand hätte zuvor gedacht, dass ausgerechnet am Barren, an dem es seit dem Erfolg des Kölners Helmut Bantz 1955 keinen deutschen Titel gegeben hatte, in Berlin die Sensation gelingen würde. «Diese Übung war einfach Bombe. Ich bin volles Risiko gegangen», sagte Nguyen. Der Sohn eines Vietnamesen und einer Deutschen freute sich zugleich über die günstige Konstellation: «Ich musste vorlegen, die anderen waren gezwungen nachzuziehen. Das war gut für mich», sagte der Sieger strahlend nach seiner Traum-Übung (15,525).

Der 23 Jahre alte Sportsoldat aus Unterhaching glänzte vor allem mit seinem spektakulären Tsukahara-Abgang, den derzeit nur er beherrscht, und profitierte davon, dass der viermalige Europameister und Quali-Beste Mitja Petkovsek absteigen musste. «Marcel war heute zu stark. Das war mein Problem», sagte der slowenische Top-Favorit. DTB-Präsident Rainer Brechtken zog mit der Becker-Säge durch die Arena und meinte: «Klar war: Wenn Marcel seine Übung durchturnt, bekommen die anderen Probleme. Dieser sensationelle Titel ist für ihn die tolle Erfahrung, dass es sich lohnt, nie aufzugeben.»

 

Für Nguyen war es mit den EM-Medaillen vier und fünf (2/1/2) ein Super-Comeback nach seinem Wadenbeinbruch und der zweite Titel nach dem Gewinn des Team-Golds im Vorjahr in Birmingham. «Ein Traum ist wahr. Ein Titel, einmal Bronze, was will ich mehr», sagte Nguyen.

«Fuck», entfuhr es hingegen Philipp Boy gleich nach seiner Reck-Übung. «Das war ein Fehler beim Adler, den ich schon öfter gemacht habe. Am Ende muss ich über Silber froh sein: Ein Wahnsinnsfinale und ein perfekter Abschluss der EM», sagte Boy schmunzelnd. «Als auch Epke Zonderland wackelte, dachte ich sogar, ich habe Gold», gestand Boy später. Der favorisierte Vizeweltmeister aus den Niederlanden (15,575) gewann dank des höchsten Ausgangswertes trotzdem.

 

«Die zwei Sechskämpfe an zwei Tagen haben bei Philipp Spuren hinterlassen. Das steckt man nicht so leicht weg», meinte der noch verletzte Fabian Hambüchen, der nicht nur 2009 die Mehrkampf-Krone sondern auch schon dreimal Reck-Gold geholt hatte. Zwei Tage zuvor hatte er sich riesig gefreut, «dass der Mehrkampf-Titel in Deutschland geblieben» ist. Philipp Boy hatte nach dem Achterbahn-Wettkampf und dem «größten Tag meines Lebens» kaum ein Auge zugemacht, fühlte sich schon tags zuvor im Bodenfinale «völlig tot» und turnte mit Armen und Beinen aus Blei, wie er selber meinte.

Eindrucksvoll offenbarte sich auch die neue deutsche Frauen-Power. Drei Medaillen waren eine Ausbeute, an die Cheftrainerin Ulla Koch nicht einmal im Traum gedacht hatte. «Es fehlen mir die Worte. Das war sensationell», meinte sie nach dem Höhenflug. Allen voran Elisabeth Seitz, die mit ausgekugeltem kleinen Finger im Mehrkampf ihre Chance optimal nutzte und mit Silber hinter der Russin Anna Dementjewa für die erste Medaille einer Deutschen seit der Berlinerin Maxi Gnauck 1985 sorgte.

 

Kim Bui nutzte am Stufenbarren einen Fehler von Seitz beim Abgang zum Gewinn ihrer ersten EM-Bronzemedaille. Und da auch Turn-Oma Oksana Chusovitina nach zwei Operationen mit Sprung-Silber wieder in die Weltspitze zurückkehrte, war das Glück der Deutschen vollkommen. «Von unseren Männern erwartet man ja schon fast Medaillen. Ich hatte mir vorgenommen, hier ein kleines Ausrufezeichen zu setzen. Nun habe ich ein ganz großes Ausrufezeichen gesetzt», meinte Eli Seitz.

 

Quelle: dpa

www.turn-em2011.de

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