Heimkino-Tipp: Lion - Der lange Weg nach Hause

Verfilmung von Saroo Brierleys Lebensgeschichte „Mein langer Weg nach Hause“

Pönis
3 von 5 Sternen

Lion - Der lange Weg nach Hause

Genre: Drama

Produktion: Australien/USA/Großbritannien 2016

Laufzeit: 115 Minuten

FSK: Freigegeben ab 12 Jahren

Regie: Garth Davis

Darsteller: Dev Patel, Nicole Kidman, Rooney Mara, David Wenham

 

Zur Filmseite: www.lion-film.de

VÖ: 14. Juli 2017

Zum Film:

Ein Tag wie jeder andere im Leben des fünfjährigen Saroo: Auf dem Bahnhof der indischen Kleinstadt, in der sein Bruder ihn für einige Stunden zurückgelassen hat, sucht er nach Münzen und Essensresten. Vor Erschöpfung schläft er schließlich in einem haltenden Zug ein und findet sich nach einer traumatischen Zugfahrt am anderen Ende des Kontinents in Kalkutta wieder. Auf sich allein gestellt irrt er wochenlang durch die gefährlichen Straßen der Stadt, bis er in einem Waisenhaus landet, wo er von Sue (Nicole Kidman) und John Brierley (David Wenham) adoptiert wird, die ihm ein liebevolles Zuhause in Australien schenken.

Viele Jahre später lebt Saroo in Melbourne, ist beruflich erfolgreich und wohnt mit seiner Freundin Lucy (Rooney Mara) zusammen. Er könnte rundum glücklich sein, doch die Frage nach seiner Herkunft lässt ihn nicht los. Nacht für Nacht fährt er mit Google Earth auf seinem Laptop das Zugnetz Indiens ab, zoomt auf hunderte von Bahnhöfen und sucht nach Hinweisen auf seinen früheren Wohnort und seine leibliche Familie. Er hat die Hoffnung schon fast aufgegeben, als das Unglaubliche passiert und er im Internet auf ein Dorf stößt, das seiner Erinnerung entspricht... (Universum Film)

Lion - Der lange Weg nach Hause | Foto: Universum Film

Kinoexperte Hans-Ulrich Pönack über den Film

(...) diese Geschichte ist passiert. Als er 5 Jahre jung ist, im Jahr 1986, verliert der kleine Saroo (sensationell: SUNNY PAWAR) durch Verkettung unglücklicher Umstände auf dem Bahnhof in der indischen Provinzstadt Khandwa seine Familie. Saroo begibt sich in einen leeren Zug, um zu schlafen. Als er aufwacht rattert der Zug zum anderen Ende des Kontinents, nach Kalkutta. Ein 5jähriger, im Moloch einer Millionen-Metropole.1600 Kilometer entfernt von seinem Zuhause. Wo man seinen Hindi-Dialekt in der Bengali-Region nicht versteht. Wochenlang schlägt er sich alleine durch das kinderfeindliche Gebiet. Wo professionelle Kinder-Fänger „solche wie ihn“ gerne einfangen, um mit ihnen, den Hilflosen, schmutzige Geschäfte zu machen. Saroo landet schließlich in einem Heim und hat das Glück, von einer australischen Familie (NICOLE KIDMAN / DAVID WENHAM) adoptiert zu werden. Saroo lebt fortan in Melbourne.

Der Film „Lion“ ist zweigeteilt. Der erste Teil ist wunderbar. Befindet er sich doch, im wahrsten Sinne des Wortes, in den Händen, in der faszinierenden Ausdruckskraft und „Autorität“ eines kleinen großartigen Jungen, des 8jährigen SUNNY PAWAR. Mir ist rätselhaft, wie das Team um den australischen Regisseur GARTH DAVIS es hinbekommen hat, diesen kleinen Kerl dermaßen natürlich, körpersprachlich-empfindsam, mimisch so grandios-mitteilsam und in jedem Moment so unglaublich präsent „hin zu bekommen“. Jedenfalls zieht Sunny Pawar als junger Saroo ununterbrochen in den Bann. Erreicht die totale Aufmerksamkeit. Man ist ständig ganz nahe an ihm dran, an dieser einnehmenden kleinen großen Persönlichkeit. Man ist gebannt an seinem – erschreckenden – Leidensweg. Und wird dann ausgebremst.

Schnitt: 25 Jahre später. Saroo (jetzt: DEV PATEL/“Slumdog Millionär“)) ist Student in Melbourne, fühlt sich längst als ein „Aussie“, will ins Hotelmanagement einsteigen. Wird von seinen „Eltern“ wie ein eigener Sohn geliebt und behandelt. Lebt mit Freundin Lucy (ROONEY MARA) zusammen. Im Gegensatz zu seinem auch aus Indien stammenden Bruder Mantosh, den die Brierleys auch adoptiert haben und der im Gegensatz zu Saroo sein Trauma nie überwinden konnte, führt Saroo ein selbstbewusstes Leben. Bis auch ihn eines Tages die Erinnerungen einholen. Und er über „Google Earth“ und andere Quellen beginnt, über seine Herkunft zu recherchieren. Was ihn total verändert.

Dieser rabiate Zeit-Schnitt bekommt dem Film überhaupt nicht. Weil er sich nun lange Zeit in ein spannungsloses, behäbiges Wechselbad der Gefühle verwandelt. Der erwachsene Saroo kann mit dem jüngeren Kind Saroo nicht mithalten. Man bekommt zwar sein inneres Ich, seine plötzliche pathologische Zerrissenheit, erklärt, aber dies reicht keineswegs aus, um nun sein ständiges grobes Schmollen und seine vielen Unbeherrschtheiten dauerhaft plausibel annehmen zu können. Zudem nerven die vielen „detektivischen Recherchen“ im Detail. Der eben noch so atmosphärisch-spannende Film stottert plötzlich nur noch. Der „Mann“ Saroo wirkt mitunter ziemlich oberflächlich. Unerklärt unnahbar. Schnell aufbrausend. Weitaus uninteressanter als „als Kind“.

Bis es dann zum emotionalen Showdown in Khandwa kommt, mit der Wiederbegegnung bei seiner Mutter. Da brechen natürlich emotionale Dämme.

„Lion“ ist ein Film mit nur halbem Sog.

Mehr Infos, Kritiken zu Kinofilmen und DVD's gibt es in Pönis Filmclub auf www.poenack.de

Legende zur Bewertung von Hans-Ulrich Pönack

5 Pönis = Einsame Spitze
4 Pönis = Richtig gut
3 Pönis = Geht so
2 Pönis = Mäßig
1 Pöni = Jämmerlich
0 Pönis = Grottig

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