Kinotipp: Die Flügel der Menschen

Drama um einen alten Pferdedieb, der glaubt, Mensch und Pferd wären mythisch verbunden

Pönis
4 von 5 Sternen

Die Flügel der Menschen

Genre: Drama

Produktion: Kirgistan/Niederlande/Frankreich
/Deutschland/Japan 2017

Laufzeit: 89 Minuten

FSK: freigegeben ab 6 Jahren

Regie: Aktan Arym Kubat

Darsteller: Aktan Arym Kubat, Nuraly Tursunkojoev, Zarema Asanalieva

 

Zur Filmseite: www.mm-filmpresse.de

Kinostart: 28. Dezember 2017

Zum Film:

Hoch oben in den Bergregionen Kirgisistans geht ein Pferdedieb um. Auf die edelsten Tiere hat er es abgesehen, die den Oligarchen die liebsten Statussymbole sind. Doch dem Pferdedieb geht es nicht um Geld. Er reitet die Tiere in die Freiheit und entlässt sie in die offenen Täler des Alatau-Gebirges – bis sie dort unweigerlich von ihren Besitzern wieder aufgegriffen werden.

Zentaur heißt der Pferdedieb, der mit seiner Frau und seinem Sohn in einem kleinen Dorf lebt, in dem es außer dem Gerede der Dorfbewohner nicht mehr viel gibt. Nur sein altes Kino, das heute als Moschee genutzt wird, erinnert noch an die Zeit, als hier Filme aus Russland und Bollywood von einer anderen Welt erzählten. Zentaur sieht mit Sorge, wie sich die Zeiten geändert haben – die Pferde, einst untrennbar mit der Identität und der Freiheit der Kirgisen verwoben, sind heute eine Ware, von menschlicher Profitgier in einen Stall verbannt. Doch die Oligarchen haben Macht und wollen sich nicht länger auf der Nase herumtanzen lassen. Und so wird der Kleinkriminelle Sadyr beauftragt, den Dieb zu fangen und auszuliefern. (Neue Visionen Filmverleih)

Die Flügel der Menschen | Foto: Neue Visionen Filmverleih

Kinoexperte Hans-Ulrich Pönack über den Film

(...)  nachdem sich die großen Hollywood-Blockbuster in den Kinos festgesetzt haben ("Star Wars 8"; "Jumanji 2"), können in der letzten Woche des Jahres 2017 filmische Entdeckungen am Kino-Rand mehr wahrgenommen werden. Wie dieses feine melancholische Filmstück aus einer Region, die selten einmal in den filmischen Blickpunkt rückt: KIRGISISTAN, oft auch Kirgistan oder Kirgisien genannt, der zentralasiatische Binnenstaat (mit rund 5,5 Millionen Einwohnern), der seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 unabhängig ist. Der international bekannteste Filmemacher von dort ist der 1957 geborene AKTAN ARYM KUBAT, seit er 2010 mit seinem dritten Spielfilm "Der Dieb des Lichts" viele renommierte Festival-Aufmerksamkeit und zahlreiche Auszeichnungen bekam (so nahm ihn das New Yorker "Museum of Modern Arts" 2011 in sein Programm auf; außerdem war der Film offizieller Kandidat Kirgisistans für die Auslands-"Oscar"-Nominierungen 2011).

Sein neuer Film, Originaltitel "Centaur" - im Frühjahr im Berlinale-"Panorama" gelaufen und dort mit dem Preis des Internationalen Verbandes der Filmkunsttheater bedacht -, basiert auf einem heimatlichen Sprichwort: "Pferde sind die Flügel des Menschen". Im Mittelpunkt steht der etwa 60jährige Sohn eines Pferdehirten, der sich als Nachfahre des nomadischen Reitervolkes seines Landes sieht, den heimischen Traditionen verbunden fühlt und deshalb von den ländlichen Mitbewohnern Zentaur genannt wird: nach jedem Mischwesen aus Pferd und Mensch aus der antiken Mythologie. Früher hat Zentaur in seinem Bergdorf als Vorführer in einem Kino gearbeitet, seit das Kino von den Missionaren in eine Moschee umgewandelt wurde, arbeitet er auf dem Bau. Seine Familie besteht aus seiner russischstämmigen, taubstummen Ehefrau Maripa (ZAREMA ASANALIEVA) und ihrem gemeinsamen fünfjährigen Sohn Nuberdi. Nicht nur das Kino ist hier in Vergessenheit geraten, auch die alten Mythen sind für die meisten Dorfbewohner nichts als verlorene Erinnerungen. Zentaur sieht die rasanten modernen Entwicklungen in seiner Region und die damit einhergehenden Veränderungen mit Sorge. Die mythischen Verbindungen zur Natur und zu den Tieren, insbesondere zu den Pferden, will er nicht akzeptieren. Deshalb schleicht er nachts unbeobachtet in die Reitställe der reichen Oligarchen - die inzwischen die Ton- und Rechtslage bestimmen und mit den alten Sitten nichts am Hut haben - und klaut deren Edel-Pferde. Reitet sie im Schatten der Nacht zurück in die Wildnis. Natürlich kann das auf Dauer nicht gut-gehen, für Zentaur brechen schwierige Zeiten an.

Der Zentaur-Hauptdarsteller  - der Regisseur selbst: AKTAN ARYM KUBAT - erinnert in seinem Äußeren, mit seinen langen wallenden Haaren, dem "freiheitsliebenden" listigen Pokerface und seinem schlaksigen Gang, an einen Charles Bronson-Rebellen aus draufgängerischen Hollywood-Filmen der Siebziger. Zudem birgt er etwas von einem asiatischen Don Quijote in sich, tapfer gegen Windmühlen antretend, der dauerhafte, aber im Grunde vergebliche subversive Kampf gegen die zerstörerische Zivilisation-hier. Zudem, die kritische Sicht, sich gegen fundamentalistische Diktat- und Diktatur-Strömungen aufzulehnen, besitzt enorme Gedanken-Qualität. "Die Flügel der Menschen", entstanden inmitten betörender kirgisischer Landschafts-Schönheit, -Wildheit und Ursprünglichkeit, entspricht zwar nicht (mehr) unseren sonstigen "flotten" Kino-Sehgewohnheiten, reizt aber gerade dadurch, sich "auf das Fremde" einzulassen, grandios wirken zu lassen.

Aus der (gewiss - weiten) Ferne grüßen gedanklich wie rebellisch Sydney Pollack & Robert Redford mit ihrem ähnlichen angesiedelten Western-Drama-Klassiker "Der elektrische Reiter" von 1979: Egal wie, es ist immer wieder lohnend - und filmisch spannend -, sich für gute Werte einzusetzen: Zentaur sei Dank.

Mehr Infos, Kritiken zu Kinofilmen und DVD's gibt es in Pönis Filmclub auf www.poenack.de

Legende zur Bewertung von Hans-Ulrich Pönack

5 Pönis = Einsame Spitze
4 Pönis = Richtig gut
3 Pönis = Geht so
2 Pönis = Mäßig
1 Pöni = Jämmerlich
0 Pönis = Grottig

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