Kinotipp: Die Nile Hilton Affäre

Thriller über den Mord an einer Sängerin in Kairo - die Spur führt bis in Regierungskreise

Pönis
4 von 5 Sternen

Die Nile Hilton Affäre

Genre: Thriller/Krimi

Produktion: Dänemark/Deutschland/Schweden 2017

Laufzeit: 111 Minuten

FSK: freigegeben ab 12 Jahren

Regie: Tarik Saleh

Darsteller: Fares Fares, Mari Malek, Yaser Maher, Ahmed Seleem, Slimane Dazi

Zur Filmseite: www.nilehiltonaffaere-film.de

Kinostart: 5. Oktober 2017

Zum Film:

Kairo 2011, eine Stadt voller Widersprüche. Es herrschen die Reichen und Mächtigen. Korruption, Dekadenz und die Gier nach Geld bestimmen den Alltag. Mittendrin lebt NOREDIN (FARES FARES) – ein ganz gewöhnlicher Polizist. Seit seine Frau bei einem Autounfall ums Leben kam, sucht er Zuflucht in der Routine seines Jobs.

Als in einer Luxussuite des Hotels Nile Hilton eine berühmte Sängerin tot aufgefunden wird, soll er ermitteln. Was auf den ersten Blick nach einem Verbrechen aus Leidenschaft aussieht, wandelt sich schnell in einen Fall, der die führende Elite Ägyptens bedroht. Noch bevor Noredin mit der Aufklärung beginnen kann, wird der Tod des Popstars als Selbstmord zu den Akten gelegt. Doch als ihm die wunderschöne GINA (HANIA AMAR) neue Hinweise liefert, ermittelt er auf eigene Faust. Während die Unruhen am Tahrir-Platz immer lauter werden, verfängt er sich zusehends in einem gefährlichen Netz aus Macht, Leidenschaft und Korruption... (Port au Prince Pictures)

Die Nile Hilton Affäre | Foto: Memento Films

Kinoexperte Hans-Ulrich Pönack über den Film

(...)  wir kennen ihn spätestens seit 2013, den in Schweden lebenden, mit libanesischen Wurzeln versehenen Schauspieler FARES FARES, denn seit damals spielte er dreimal die Rolle des Assad, des Assistenten des Polizeikommissars Carl Morck (= Nikolaj Lie Kaas), in den dänischen Romanverfilmungen "Erbarmen"; "Schändung"; Erlösung" (2013/2014/2016) des Schriftstellers Jussi Adler-Olsen. Hier heißt er Noredin und ist ägyptischer Polizeibeamter, der fest "im Apparat" steckt. Das heißt: er ist genau so korrupt wie seine Kollegen und Vorgesetzten, verdankt seinen Job seinem Onkel, der als sein Vorgesetzter auch über das gut geschmierte Bestechungssystem wacht; greift gerne zu, wenn ihm während der täglichen Autofahrt "Umschläge" zugereicht werden. "Gerechtigkeit" hat hier seinen Preis. Seit dem Autounfalltod seiner Ehefrau ist aus Noredin ein kalter Cop geworden. Der sich mit Alkohol, Zigaretten und Tabletten "ernährt". Als er eines Tages in das noble Nile-Hilton-Hotel gerufen wird, um den Mord an einer berühmten Sängerin aufzuklären, klaut er erst das Geld der Toten, um dann die Ermittlungen abzubrechen: Anweisung "von Oben". Die Justiz befiehlt: Klarer Fall von Selbstmord. Dabei gibt es doch eine Augenzeugin, ein sudanesisches Zimmermädchen. Doch sie ist nicht aufzutreiben. Noredin schnüffelt eifrig allein weiter. Will sich diesmal nicht mit "den Gegebenheiten" abfinden. Und stößt in ein Wespennest, in dem hochrangiges, mächtiges Elite-Personal mitmischt. Das gewohnt ist, mit Geld alles schnell wie unauffällig regeln, diktieren, zu können.

Kairo im Januar 2011. Eine überfüllte, pulsierende Stadt voller Hektik und Widersprüche. Am Vorabend der ägyptischen Revolution herrscht überall spürbare Unruhe, allgemeine Nervosität. Auf den Straßen dominiert immer mehr Rebellion. In dieser aufgehitzten Atmosphäre einen Mord aufzuklären, bringt den sonst so zynischen Noredin plötzlich in Gewissensnöte. Der eigentlich desillusionierte Bulle entdeckt plötzlich (s)eine Verantwortung. Was ihn dann selbst in Gefahr bringt.

"The Nile Hilton Incident" gefiel beim diesjährigen renommierten "Sundance Festival" im Januar und wurde dort mit dem "World Cinema Grand Jury Price" ausgezeichnet. Der Film beruht auf wahren Begebenheiten: 2008 schockte der Mord an der jungen Sängerin Suzanne Tamim in Dubai die gesamte arabische Welt, und als die Spuren zu einem der einflussreichsten Männer Ägyptens führten, sorgte dies für erhebliche örtliche Aufregungen.

Der Autoren-Regisseur TARIK SALEH, 1972 in Stockholm geboren, war einst Schwedens bekanntester Graffiti-Künstler. Sein Wandbild "Fascinate" von 1989 zählt weltweit zu den ältesten existierenden Graffiti-Gemälden und ist das erste, das von der schwedischen Regierung als Kultur-Erbe geschützt wird. Von ihm stammen die Spielfilme "Metropia" (2009) und zuletzt der im schwedischen Kino erfolgreiche Kriminalfilm "Tommy" (2014). Für seinen aktuellen Polit-Thriller sollten gerade die Dreharbeiten in Kairo beginnen, als das "diskrete" Drehverbot "von Oben" das Team erreichte und man ins marrokanische Casablanca zum Drehen auswandern musste. (Außerdem, Deutschland produzierte ja mit, wurde auch im hiesigen Erfurt gedreht). Geschickt und zeitkritisch-aufregend verwebt Tarik Saleh den nebulösen Mordfall und diese Halb-Privaten-Ermittlungen des Schnüfflers Noredin mitten hinein in die nicht mehr aufzuhaltenden gesellschaftlichen Unruhen, die sich in den "Arabischen Frühling" entwickeln und zuspitzen werden. Die Fesseln der alten, faulen Strukturen werden angegangen, wogegen sich die Systemträger - noch - wehren. Draußen wie drinnen. Das Kairo von 2011 atmet dieselbe Nervenanspannung aus wie etwa einst ein Los Angeles der 40er Jahre, wo dann innerhalb der "Schwarzen Hollywoodfilme" ebenfalls viel gesellschaftlicher Schmutz vorhanden und zu beseitigen war : schmierig, dekadent und macht-bestimmt von Geld. Dieser Noredin-Typ jedenfalls agiert wie ein Enkel der coolen Schnüffler-Socke Marlowe oder wie diese zynische Mickey Spillaine-Maschine Mike Hammer.

Der Film "DIE NILE HILTON AFFÄRE", besetzt mit einem Klasse-Darsteller-Ensemble, besitzt die erzählerisch-spannenden, atmosphärisch-großartigen Qualitäten eines sehr beeindruckenden schmutzigen Polit-Thrillers, dessen faszinierendem Spannungs-Sog man sich, nach anfänglichen Orts-Schwierigkeiten, nicht entziehen kann.

Mehr Infos, Kritiken zu Kinofilmen und DVD's gibt es in Pönis Filmclub auf www.poenack.de

Legende zur Bewertung von Hans-Ulrich Pönack

5 Pönis = Einsame Spitze
4 Pönis = Richtig gut
3 Pönis = Geht so
2 Pönis = Mäßig
1 Pöni = Jämmerlich
0 Pönis = Grottig

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