Ausstellung «The Haus»

Bis die Abrissbirne kommt: Graffiti und Gemälde auf Zeit

Ausstellung «The Haus» | Foto: dpa

Wer durch «The Haus» läuft, betritt in jedem der 79 Räume eine ganz eigene Welt: Hier comichafte Gemälde von Aliens, die erst unter Schwarzlicht sichtbar werden, da bunte Grafitti-Muster an Wänden, Heizkörpern und Fenstern, dort ein Raum voller Moos. In einem früheren Berliner Bankgebäude in der Nähe des Kudamms haben 165 Street-Art-Künstler mit «The Haus» ein temporäres Museum geschaffen. Am 1. April öffnete die Ausstellung für Besucher - bis das Haus im Juni abgerissen wird.

Betritt man «The Haus», riecht man gleich: Hier toben sich Graffiti-Künstler aus. Der beißende Geruch von Lack und Farbe hängt gleich an der Tür in der Luft. Doch hier gibt es neben klassischen Spray-Werken die ganze Palette der «Urban Art» zu sehen, mit Tape-Kunst, Typografie oder Plastiken.

«Wir machen keine reine Graffiti-Veranstaltung. Das wird eine hochwertige Ausstellung verschiedenster geiler Scheiße», beschreibt es Kimo von Rekowski (32), der sich lieber mit dem Vornamen anreden lässt, in breitem Berlinerisch. Er und seine Kumpels Jörni (41) und Bolle (41) bilden die Street-Art-Gruppe «Dixons» und betreiben zudem eine Werbe-Agentur. Sie hatten die Idee für «The Haus».

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Ausstellung «The Haus» | Foto: dpa

Dafür haben sie Künstler aus aller Welt gewonnen: Aus Ecuador, Brasilien, der Schweiz kamen sie, insgesamt sind fast 20 Nationen vertreten. «Aber die Hälfte ist aus Berlin, wir wollen unsere Atzen ja unterstützen», sagt Kimo. Alle Solo-Künstler und Crews bekamen einen eigenen Raum, in dem sie sich ausleben konnten. Mit Fluren und Treppenhäusern sind es 101 Flächen. Vorgaben? Nicht bei den «Dixons». Abgesehen von provokanten politischen Botschaften war alles erlaubt. «Wir haben den Leuten bloß gesagt, dass sie ihrem Raum ein Konzept, ein Thema geben sollen», sagt Kimo.

Dass sich die Künstler hier ausleben können, gefällt auch Philip. Der 32-Jährige arbeitet unter dem Künstlernamen Senor Schnu und begreift das Projekt als Chance. «Das ist eine geile Plattform, um sich und seine Kunst zu präsentieren.» Schnu hat den Moos-Raum gestaltet, «Urban Gardening» heißt das in der Szene. Mit seiner Installation will er den aus seiner Sicht scheinheiligen Öko-Wahn vieler Menschen infrage stellen. «Alle tun immer auf nachhaltig, laufen dann aber doch mit Smartphones und Plastiktüten rum», sagt er. Deshalb hat er mitten im Zimmer einen Laptop als Kontrast platziert.

400 Kilogramm Moos hat Schnu für die nach eigener Aussage «größte Moos-Installation der Welt» besorgt, dazu 200 Kilo Joghurt, damit der grüne Teppich an den Wänden hält. 500 Euro investierte er dafür. Alle Künstler mussten ihre Materialien selbst bezahlen, denn hinter «The Haus» steht kein großer Sponsor. Eintritt verlangen die Initiatoren trotz hoher Kosten und großer Mühen nicht.

Nur das leerstehende Gebäude wurde den «Dixons» für ihr Vorhaben von der Immobilienfirma Pandion mietfrei überlassen. Das Unternehmen lässt das Haus im Juni abreißen und baut dann einen Luxus-Wohnkomplex auf dem Grundstück.

Seit Anfang Januar malen, kleben und bauen die Street-Artists in dem ehemaligen Volksbank-Gebäude. Freizeit haben Kimo und die anderen «Hausmeister», wie sich das Organisations-Team nennt, seitdem kaum noch - ganz nach dem Motto «The Wochenende is abgeschafft», das jemand an eine Wand im Pausenraum geschrieben hat. Auch jetzt, wenige Tage vor Eröffnung, werkeln sie noch und räumen auf. Im Minutentakt klingelt Kimos Handy, als er vorbei an Wänden mit buntem Klebeband durchs Haus führt. Das Band sieht im Licht aus wie Laserstrahlen. Es müssen noch Rauchmelder organisiert werden.

Lohnt sich all der Stress überhaupt, wenn alle Kunstwerke nach zwei Monaten in Schutt und Staub zerfallen? Eindeutig ja, findet Kimo. «Unsere Botschaft ist: Komm her, genieß den Moment», sagt er. Vergänglichkeit gehöre zu diesem Konzept wie auch zum Leben. Das einzige, was am Ende von «The Haus» bleibt, ist «The Buch». 

Auf 300 Seiten sind hier Fotografien der Räume zu sehen. Erarbeitet und verlegt hat das «Haus»-Team das in Eigenregie, wie alles hier. «Es ist das Denkmal dieses Projekts», sagt Kimo. Die Besucher werden sogar ihre Handys am Eingang eintüten müssen, Fotos sind tabu. Sie sollen von diesem Projekt nur Eindrücke und Erinnerungen mitnehmen. (dpa)

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