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Bodemuseum (Foto: Paul Zinken/dpa)

Nach Münz-Klau im Museum: Stille Angeklagte, offensive Verteidiger

Die vier jungen Männer halten sich Aktenmappen und Zeitschriften vor die Gesichter, als sie den großen Saal 700 im Berliner Landgericht betreten. Sie müssen am Donnerstagmorgen als Angeklagte an drei Dutzend Kameraleuten und Fotografen vorbei und wollen auf keinen Fall erkannt werden. Das ließen ihre Anwälte schon vorher in aller Deutlichkeit verkünden. Im Saal muss ein Besucher, der kurz sein Handy zückte, Fotos vor den Augen eines Anwalts wieder löschen.

Es ist der erste Tag des Prozesses um den spektakulären Diebstahl einer 100 Kilogramm schweren Goldmünze aus dem Bode-Museum auf der Berliner Museumsinsel im März 2017. Das Interesse ist nicht nur wegen des verschwundenen und vermutlich längst eingeschmolzenen Goldes im Wert von 3,75 Millionen Euro so groß.

Drei der Angeklagten mit deutscher Staatsangehörigkeit gehören zu einer bekannten arabischstämmigen Berliner Großfamilie. Viele Mitglieder des Clans gerieten in der Vergangenheit immer wieder ins Visier der Polizei. Politik und Polizei kündigten 2018 eigens einen Fünf-Punkte-Plan gegen die Clan-Kriminalität an.

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Goldmünze (Foto: Marcel Mettelsiefen/dpa)

Die Angeklagten: ein 24-Jähriger und sein 20-jähriger Bruder, ihr 22-jähriger Cousin sowie ein 20-jähriger Bekannter. Der Älteste und sein Cousin tragen angesagte Undercut-Frisuren und Daunenwesten über Pullovern, der jüngere Bruder sitzt kurz geschoren und mit Rollkragen auf seinem Platz. Zu den Vorwürfen schweigen sie mit ernsten Blicken.

Der vierte Angeklagte soll ein Schulfreund des jüngeren Bruders sein. 2017 war er Wachmann im Bode-Museum und soll die entscheidenden Tipps gegeben haben. Alle vier haben jeweils zwei Verteidiger dabei, zum Teil aus bekannten und als teuer geltenden Kanzleien.

Die Staatsanwälte werfen den drei Mitgliedern der Großfamilie vor, dass sie in der Nacht zum 27. März 2017 durch das Fenster eines Umkleideraums in das Museum eingestiegen seien. Sie sollen eine Vitrine zertrümmert haben und die schwere Goldplatte in Münzform, genannt «Big Maple Leaf», mit einem Rollbrett zu dem Fenster gefahren haben. Über die hochgelegenen Gleise der Berliner S-Bahn sollen sie die Beute mit einer Schubkarre abtransportiert und dann in einen Park abgeseilt haben.

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Goldmünzen-Diebstahl im Bode-Museum (Foto: dpa)

Direkt nach Verlesung der Anklage geht die Verteidigung in die Offensive. Der Anwalt des ältesten Angeklagten betont, die umfangreichen Ermittlungen der Polizei hätten keinen «einzigen durchgreifenden Beweis» ergeben. Trotz Sonderkommission, Telefonüberwachung, Funkzellenabfragen, 30 Durchsuchungen und Spürhunden seien die angeblichen Beweise «dürftig» geblieben.

Die Staatsanwaltschaft stütze sich nur auf Hinweise von Informanten der Polizei und auf ein Gutachten zu Videoaufnahmen aus Überwachungskameras, die drei Männer, aber keine Gesichter zeigten. Mit diesem bioforensischen Bild-Identifikationsverfahren wird sich das Gericht wohl noch ausführlicher beschäftigen.

Ein Verteidiger des damaligen Wachmanns erklärt, die Ermittlungen seien einseitig geführt worden. «Indizien wurden als Tatsachen dargestellt.» Die Polizei habe entlastende Erkenntnisse ignoriert.

Als erster Zeuge schildert ein Kriminalkommissar die Untersuchung der Museumsräume am Morgen nach dem Diebstahl. Die Verteidiger haken immer wieder nach bei Details zu dem aufgebrochenen Fenster, zur Dicke von Schrauben und Bolzen, Schleifspuren auf dem Boden, Sicherheitstüren und der Leiter zwischen dem Museum und den Bahngleisen. Die souveräne Richterin lässt Gebäudepläne und Dutzende Fotos diskutieren. Auch die Angeklagten begutachten interessiert die Abbildungen auf den Laptops ihrer Verteidiger.

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Bode-Museum

Weil drei Angeklagte 2017 jünger als 21 Jahre alt waren und als Heranwachsende gelten, wird der Prozess vor einer Jugendkammer verhandelt. Die Richter können kann dann entscheiden, ob das Urteil nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht fällt. Schwerer Diebstahl kann theoretisch mit maximal zehn Jahren Gefängnis bestraft werden. Urteile in dieser Höhe sind aber selten.

Derzeit sitzt keiner der Angeklagten mehr in Untersuchungshaft. Allerdings wurde gegen zwei der Männer ein sogenannter Vermögensarrest verhängt, so eine Gerichtssprecherin. So versucht die Staatsanwaltschaft Vermögen festzusetzen, um es später unter Umständen einziehen zu können. Ob das Vorgehen Erfolg hat, dürfte vom Urteil in einigen Monaten abhängen.

Eine Zeitschrift, die ein Angeklagter auch in Verhandlungspausen als Sichtschutz nutzte, heißt «Wissen und Staunen». Ein passendes Motto für einen Indizienprozess, der sich als kompliziert und keineswegs eindeutig entpuppen könnte. (dpa)