die_frau_die_vorausgeht_plakat.jpg
Foto: Die Frau, die vorausgeht (Tobis Film)

Biopic über Catherine Weldon, die ein Gemälde des legendären Sioux-Häuptlings Sitting Bull gemalt hat

Die Bewertung von Hans-Ulrich Pönack
"Die Frau, die vorausgeht" - bärenstark, sensibel und höchst unterhaltsam
4 Pönis: Richtig gut

Die Frau, die vorausgeht

Genre: Drama/Historie
Produktion: USA 2017
Laufzeit: 102 Minuten
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Regie: Susanna White
Darsteller: Jessica Chastain, Michael Greyeyes, Sam Rockwell

Filmseite: www.tobis.de/die-frau-die-vorausgeht
Kinostart:
5. Juli 2018

Pönis Filmkritik anhören:

Die Frau, die vorausgeht

Zum Film:

New York, im Frühjahr 1889. Nach einem Jahr der Trauer um ihren verstorbenen Mann beschließt die Malerin Catherine Weldon (Jessica Chastain), dass nun endlich die Zeit für einen Neuanfang gekommen ist. Unbeeindruckt von gesellschaftlicher Konvention und ganz auf sich allein gestellt, begibt sie sich auf die ebenso beschwerliche wie gefährliche Reise nach North Dakota mit einem klaren Ziel vor Augen: Sie will den legendären Sioux-Häuptling Sitting Bull porträtieren.

Vor Ort macht sich Catherine mit ihrer romantischen Vorstellung von einem selbstbestimmten Leben im „wilden Westen“ jedoch schnell Feinde. Vor allem Colonel Groves (Sam Rockwell) ist die selbstbewusste Witwe mit ihrer Sympathie und Engagement für die amerikanischen Ureinwohner ein Dorn im Auge. Mit allen Mitteln versucht er, die unbequeme Frau wieder loszuwerden. Häuptling Sitting Bull (Michael Greyeyes) hingegen lernt Catherine als einen friedfertigen und besonnenen Mann kennen, dessen Vertrauen und Zuneigung sie bald gewinnt. Sie beeindruckt ihn sogar so sehr, dass er der mutigen und unangepassten Malerin den indianischen Namen „Frau geht voraus“ gibt.

Als Colonel Groves und seine Leute beginnen, die letzten Stammesmitglieder auszuhungern und zu vertreiben, muss Catherine sich endgültig entscheiden, wie weit sie im schicksalhaften Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit bereit ist zu gehen... (Tobis Film)

die_frau_die_vorausgeht_szene.jpg
 (Foto: Richard Foreman, Jr. SMPSP/)

Hans-Ulrich Pönack über den Film

(...) Patty Jenkins sei dank, denn mit ihrem Comic-Charakter-Hit "Wonder Woman" von 2017 schaffte sie den Durchbruch: die Kerle-Front bröckelte endlich auch an der hollywoodschen Mainstream- beziehungsweise Blockbuster-Front. Dadurch kommen jetzt endlich öfters Genre-Filme ans Kino-Licht, die von Frauen realisiert wurden. "Woman Walks Ahead", so der Originaltitel, ist solch ein hervorragendes Beispiel für diesen Endlich-Umschwung an der Ami-Produktionsfront. Denn wie bärenstark, sensibel und höchst unterhaltsam auch Filmemacherinnen das Kino beleben können, beweist die britische Regisseurin SUSANNA WHITE mit diesem einfühlsamen Epos.

Ein Jahr hat sie getrauert, wie es sich für eine New Yorker-Lady anno 1889 ziemt, dann ist Schluss mit Schwarz. Catherine Welden (JESSICA CHASTAIN) schmeißt das riesige Öl-Gemälde ihres verstorbenen Mannes in den Fluss und begibt sich fortan in ihr eigenes selbstbestimmtes Leben. Das sie sich, dank einer vermögenden Erbschaft, leisten will. Als Malerin. Sie hat schon Senatoren und sogar den US-Vizepräsidenten gemalt, jetzt hat sie sich vorgenommen, den berühmtesten Indianer jener Zeit zu malen, Sitting Bull, Häuptling der Lakota-Sioux. Die bestialischen Gewalt-Konfrontationen zwischen den Ur-Einwohnern und ihren weißen Gegnern - zum Beispiel am Little Bighorn - sind vorbei, der "überlegene" Weiße Mann hat die Indianer in ein Reservat in North Dakota verfrachtet, und auch von dort sollen sie bald verschwinden, wenn erst der "Dawes Act" besiegelt ist, eine Abmachung zur weiteren Land-Enteignung. Damit die Indianer dies auch akzeptieren, hat das US-Militär gerade ihre zustehende Versorgung um die Hälfte geknappt. Mitten in diese explosive Atmosphäre (und kurz vor dem Massaker am Wounded Knee) taucht diese Frau mit dem unbedingten Willen auf, den von den Weißen Entscheidern verhassten "Chef-Indianer" zu porträtieren. Eine Frau kommt in den "Wilden Westen" mit der Absicht, den von den Weißen verhassten Feindes-Anführer zu malen: Natürlich eine Ungeheuerlichkeit und Provokation für die militärischen Schergen, vor allem für den mit der weiteren "Behandlung" der Rothäute betrauten Colonel Groves ("Oscar"-Preisträger SAM ROCKWELL/"Three Billboards..."), der die resolute und Demokratie-gläubige Catherine Welden möglichst schnell abschieben will. Was sich als ebenso schwierig erweist wie ihr Bemühen, zu Sitting Bull (MICHAEL GREYEYES) vorzudringen. Als es ihr gelingt, wird sie zum Mittelpunkt eines weiteren Konflikt-Schauplatzes, bei dem es um weit mehr geht als um das Malen eines berühmten zeitgenössischen Anführers. Währenddessen Mrs. Weldon auf einen störrischen wie charismatischen Denker und Indianer-Lenker trifft, mit dem eine verblüffende Kommunikation entsteht.

Kein Western. Jedenfalls kein herkömmlicher. Stattdessen eine überzeugende Art von faszinierendem Kammerspiel in einer Explosionsregion während dieser historischen amerikanischen Kriegs-Epoche. Schon wie kürzlich, bei diesem überragenden Philosophie-Western-Spannungsstück "Feinde - Hostiles" (s. Kino-KRITIK), geht es nicht um die - übliche, gewohnte - Western-Aneinanderreihung von Duellen, sondern geht es um "das Dahinter". Die Psychologie, die unmenschliche Philosophie in Sachen inhumane Zivilisation : Was bewegt Menschen, sich über andere zu überhöhen; wie "sehen" überhaupt "Kämpfer" im Innern aus; was geht in ihnen vor, wodurch verlieren sie dermaßen ihren "anständigen" Verstand? Caroline Weldon hat es tatsächlich gegeben, aber dies ist egal, denn der Film will keine präzise fixierte historische Figur wahr porträtieren, sondern die erste aufrechte Bürgerrechtskämpferin der Vereinigten Staaten von Amerika würdigen. Charakter-tief wie einfühlsam. Einer Frau wird hier gehuldigt, die mit ihrem Mut, ihrer Courage und ihren Überzeugungen als furchtlose Pionierin vorangeht. Stellung bezieht, um schließlich - natürlich vergeblich - für Verständigung zwischen den verfeindeten Völkern öffentlich einzutreten. Blauäugig? Klar doch und warum nicht? Wie viele Männer durften mit solch hehrem Anspruch in vielen legendären Kinofilmen antreten, und man hat es ihnen abgenommen? Nun "packt" es (endlich einmal) eine weiße starke kluge Frau an. Und dies anzunehmen, bedeutet an einem ebenso bilderstarken wie emotionsgeladenen wie intelligent-gutem Stück Kino teilzuhaben.

"Die Frau, die vorausgeht" ist keine Schwarz-Weiß-Malerei, sondern die Begegnung mit einer der derzeit spannendsten amerikanischen Schauspielerinnen überhaupt: JESSICA CHASTAIN, 41, aus dem kalifornischen Sacramento. Sie hat sich in den letzten Jahren mit ihren vielen begeisternden Auftritten (= in schon mehr als 30 Filmen fürs Kino und fürs Fernsehen seit Mitte der 2000er Jahre) in die erste Riege der besten amerikanischen Schauspielerinnen katapultiert. Kinofilme wie "Molly's Game - Alles auf eine Karte"; "Die Erfindung der Wahrheit"; natürlich: "Zero Dark Thirty"/ "Golden Globe Award") oder "The Help" ("Oscar"-Nominierung) machten sie populär. In der Rolle der Künstlerin und Aktivistin Catherine Weldon gelingt ihr ein weiterer berührender Glanzpunkt, eine spannende, hochinteressante Frau ausdrucksstark, ereignisreich, sensibel auszuloten. Jessica Chastain zu erleben, zu genießen, ist höchst beeindruckend. Und: Zudem gerade äußerst aktuell, weil dieser exzellente Film das männlich-größenwahnsinnige "America" in der First-Position von heute gedanklich-kritisch berührt. Mit-Denken lässt.

Mehr Infos, Kritiken zu Kinofilmen und DVD's gibt es in Pönis Filmclub auf www.poenack.de

die_frau_die_vorausgeht_plakat.jpg
Foto: Die Frau, die vorausgeht (Tobis Film)