Onlinecheck_1200x600_grau.png

Online-Petition Lkw-Abbiegeassistent

Worüber lacht das Netz? Was geht im WWW durch die Decke? Worüber wird in sozialen Medien diskutiert?

Jochen Trus am Morgen macht täglich um 6.20 Uhr und 8.20 Uhr den «Online-Check» und verrät Ihnen, was Berlin klickt!

Machen Sie LKW-Abbiege-Assistenten zur Pflicht!

Online-Petition Lkw-Abbiegeassistent

Zur Online-Petition... »

Schneider steigt in die Eisen - Abbiegeassistenten im Einsatz

Rot, gelb, grün, die Ampel springt um, endlich freie Fahrt! Wirklich frei? Auf dem Lkw-Sitz zwei Meter über der Straße kneift Richard Schneider die Augen zusammen. Spiegel rechts: kein Radfahrer zu sehen, Spiegel vorn: frei vor der Stoßstange, Spiegel links: auch frei. Schneider dreht das Lenkrad nach rechts, laut brummend biegen 40 Tonnen ab - da leuchtet plötzlich ein Warndreieck im Fahrerhaus, erst gelb, dann rot, es piept. Schneider steigt in die Eisen, das Fahrerhaus schaukelt, der Koloss steht. Und ein Radfahrer kann unbeschadet rechts am Lkw vorbeifahren.

«Das ist die Stresssituation in der Stadt», sagt Schneider. Der 54-Jährige ist seit 28 Jahren Testfahrer bei Merceds-Benz und heute in Berlin mit Abbiegeassistent unterwegs. Autos, Radfahrer, Fußgänger - sie alle bewegen sich rund um seinen 16,5 Meter langen Lastwagen, wenn er abbiegt. Jeder Fehler kann verheerende Folgen haben - für Radfahrer meist tödliche. Die Zugmaschine mit dem Fahrerhaus bringt den Radler zu Fall, der Auflieger rollt über ihn hinweg.

So oder so ähnlich sind in diesem Jahr schon 23 Radfahrer ums Leben gekommen, wie der Allgemeinen Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) gezählt hat. Vor zwei Wochen wurde in Berlin ein Achtjähriger vor den Augen seiner Mutter überrollt. Der Ruf wird lauter, Abbiegeassistenten zur Pflicht zu machen - zumal in den Städten immer mehr Radfahrer und Lastwagen unterwegs sind.

Schwere Lkw haben heute sechs Außenspiegel, zwei links, drei rechts, einen vorn. Mercedes-Entwickler Mathias Lichter sagt: «Theoretisch gibt es keinen toten Winkel mehr», also Bereiche neben dem Lastwagen, die der Fahrer nicht einsehen kann. «Aber theoretisch gibt es auch keine Unfälle.» Warum es praktisch anders ist? «Der Mensch hat leider nur zwei Augen, im Idealfall hätte er zehn», sagt Lichter. «Dann könnte er in alle Spiegel gleichzeitig sehen.»

Helfen soll ein unscheinbarer schuhkartongroßer schwarzer Block, der vor dem rechten Hinterrad von Richard Schneiders Sattelzugmaschine sitzt. Darin: zwei Radar-Geräte. Sie erfassen die Längsseite des Lastwagens, dreieinhalb Meter werden überwacht. Ob Mensch oder Poller - steht beim Abbiegen etwas im Weg, leuchtet für Schneider das Warndreieck am rechten Rahmen der Frontschreibe und im Armaturenbrett. Kommt der Lastwagen dem Hindernis näher, piept es - ähnlich der Einparkhilfe im Auto.

Die Unfallforschung der Versicherer glaubt, dass solche Helfer jedes Jahr knapp 200 Unfälle mit getöteten oder schwer verletzten Radfahrern verhindern könnten. Warum gibt es sie dann nicht in jedem Lastwagen?

Union und SPD haben im Koalitionsvertrag vereinbart, dass sie Abbiegeassistenten verbindlich vorschreiben. Der Bundesrat fordert eine Nachrüstpflicht. Knapp 150 000 Menschen haben eine Online-Petition unterzeichnet. «Seit Jahren vertagt die Bundesregierung das Thema immer wieder und schiebt die Verantwortung nach Brüssel ab», kritisieren die Initiatoren.

Ans Beifahrerfenster eines Lastwagens tritt Andreas Scheuer. «Die schrecklichen Nachrichten von den tödlichen Abbiegeunfällen mit Lkw sind nicht zu ertragen», spricht der Bundesverkehrsminister in die Kabine. Doch er könne nichts vorschreiben, sonst drohe eine Klage wegen Verstoßes gegen EU-Recht, liest der CSU-Politiker in einer Video-Botschaft vor. Brüssel plane die Pflicht erst ab 2022.

Scheuer will Spediteure, Verbände, Zulieferer, Prüfer und Verkehrspolizisten einladen, «Aktion Abbiegeassistent» nennt er das. Doch es gab vor Jahren schon einen Runden Tisch Abbiegeassistent, geändert hat sich wenig. Denn das Angebot ist übersichtlich.

Assistenten gebe es nur für wenige Modelle, verweisen die Spediteure auf die Hersteller. «Damit der Abbiegeassistentein Erfolg wird, ist vor allem die Industrie gefragt», heißt es auch beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat, der verlangt, dass die Systeme nicht nur warnen, sondern auch automatisch bremsen.

Warum geht das noch nicht? «Wir wollen Fehlwarnungen ausschließen», sagt Daimler-Entwickler Lichter. Unnötige Zwangsstopps seien zwar kein Drama, könnten aber dazu führen, dass die Fahrer der Assistenten überdrüssig würden.

Der ADFC verlangt, dass nun der Staat mit gutem Beispiel vorangeht und etwa Müllwagen umrüstet. Auch der Handel sei gefragt. Die Handelskette Netto Marken-Discount hat angekündigt, dass Ende nächsten Jahres sämtliche 500 Lastwagen in ihrem Fuhrpark Abbiegeassistenten haben werden. Viele andere scheuen aber noch die Kosten. 2500 Euro extra kostet der Assistent beim Mercedes-Lastwagen Actros. Nur etwa jeder achte Käufer hat sich bislang dafür entschieden. (dpa)

Ministerium zu "Aktion Abbiegeassistent"... »

Video von Verkehrsminister Scheuer

Zur Pressemitteilung vom ADFC... »