02. Juni 2026 – dpa
Wenn derzeit irgendwo in Berlin der Strom ausfällt, werden sofort Erinnerungen wach - die beiden großen Stromausfälle in Treptow-Köpenick und Lichterfelde, beide ausgelöst durch mutmaßlich linksextremistische Anschläge, haben sich festgesetzt im Gedächtnis der Stadt. Fast 100.000 Haushalte waren von einem der beiden Vorfälle betroffen, hinter den Haustüren spielten sich Dramen ab. Beim Ausfall im Januar standen bei eisigen Temperaturen Tausende auch ohne Heizung da.
Beim Vorfall in Treptow-Köpenick mussten viele Haushalte rund 60 Stunden ohne Strom auskommen, bei jenem in Lichterfelde sogar rund 100 Stunden. Zum Glück sind solche Krisen außerordentlich selten.
Im Schnitt 4,4 Stromausfälle pro Tag
Denn so präsent das Thema durch die beiden Brandanschläge auch ist: Von einer ungewöhnlichen Häufung an Störungen kann in Berlin genau fünf Monate nach dem Vorfall in Lichterfelde (3. bis 7. Januar) nicht die Rede sein. In den ersten vier Monaten des laufenden Jahres verzeichnete Stromnetz Berlin 529 Störungen - 16 weniger als im Vorjahreszeitraum. Der Netzbetreiber informiert online über jeden Störungsfall, so ist es mit dem Land Berlin vereinbart.
In Berlin kommt es damit im Schnitt täglich zu 4,4 Störungen in der Stromversorgung. Und das bei 36.000 Kilometer Hoch-, Mittel- und Niederspannungskabel - die Hauptstadt hat das größte städtische Stromnetz in ganz Europa.
Doch was passiert bei einem Stromausfall hinter den Kulissen eigentlich, damit die Störung schnell behoben wird? Und was verursacht die meisten Ausfälle?
Bei der Leitstelle kommt alles zusammen
Jede Störung im Stromnetz schlägt bei der Leitstelle des Netzbetreibers Stromnetz Berlin auf. Im Idealfall kann dort per Umschaltung auf andere Leitungen schon nach wenigen Minuten die Versorgung wiederhergestellt werden.
Das eigene Qualitätsziel von Stromnetz Berlin sei es, dass innerhalb von zwei Stunden der Strom wieder zu den betroffenen Haushalte fließt, sagt Netzingenieur Andreas Hoffmann. «Wenn in der Straße dann der Bagger anrollt und das Kabel repariert wird, ist der Ausfall in der Regel längst behoben.»
«Am liebsten habe ich Störungen an einem Werktag frühmorgens»
Bevor die Reparaturarbeiten beginnen, wird mit einem Messwagen lokalisiert, wo genau die Fehlerstelle ist. Erst dann rückt der Bagger an und legt das betroffene Kabel frei. Das Kabel wird anschließend repariert oder ein Kabelabschnitt ausgetauscht. Die Monteure von Stromnetz haben es dabei mit mehr als 100 verschiedenen Kabeltypen in der ganzen Stadt zu tun.
Wie lang es vom Beginn einer Störung bis zum Abschluss einer Reparatur dauert, liegt an vielen verschiedenen Faktoren: Wann tritt die Störung auf? Befindet sich die Störung auf Höhe eines Baumes oder gar einer Feuerwehreinfahrt? Dann dauert es länger, bis alle Genehmigungen für die Bauarbeiten erteilt sind.
«Am liebsten habe ich Störungen an einem Werktag frühmorgens an einem Kabel unter einem Gehweg. Dann gibt es die Chance, dass schon abends alles repariert ist», sagt Netzingenieur Hoffmann.
Häufigster Grund für Störungen? Bauarbeiten!
Baustellen in der Stadt sind laut Stromnetz-Sprecher Henrik Beuster der häufigste Grund für Störungen in der Stromversorgung. Dabei muss ein Kabel gar nicht sofort etwa von einer Baggerschaufel zerschlagen werden. Eine leichte Beschädigung an der Kabelumhüllung kann ausreichen, dass über Monate oder Jahre Wasser eindringt, bis es dann irgendwann zum Schaden kommt.
«Es kann auch passieren, dass Wurzeln von Bäumen um so ein Mittelspannungskabel herum wachsen und es regelrecht zerdrücken», erklärt Beuster. So etwas gehöre aber eher zu den kuriosen und seltenen Fällen. Weitaus öfter komme es vor, dass Erdnägel Kabel treffen. «So kann auch das Aufstellen großer Plakatwände auf Mittelstreifen mit Wahlwerbung ziemlich gefährlich werden», sagt Beuster. Die Mittelspannungskabel mit bis zu 10.000 Volt Spannung liegen in der Regel 80 bis 100 Zentimeter tief in der Erde. Wird ein solches Kabel beschädigt, stehen schnell 1.000 bis 2.000 Haushalte ohne Strom da.
Berliner im bundesweiten Vergleich seltener betroffen
Eine weitere Statistik zeigt, dass die Berlinerinnen und Berliner auch im bundesweiten Vergleich auf eine stabile Stromversorgung bauen können: Weniger als acht Minuten mussten Berliner Haushalte im Schnitt im vergangenen Jahr ohne Strom auskommen - damit sind die Ausfallzeiten zum dritten Mal in Serie gesunken. Bundesweit mussten die Haushalte 2024 im Schnitt 11,7 Minuten ohne Strom auskommen, ein aktuellerer Wert liegt noch nicht vor.
Die beiden Brandanschläge werden in der Statistik nicht berücksichtigt. Sie sind zwei dramatische Ausreißer, von Kriminellen absichtlich herbeigeführt. Verunsicherung in der Bevölkerung wurde dabei in Kauf genommen, vielleicht sogar beabsichtigt. Statistiken und Investitionssummen haben es gegen Gefühle oft schwer. Und dennoch: Stromnetz Berlin investiert dieses Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag in Sicherheitstechnik und Wachschutz, um weitere Angriffe auf die kritische Infrastruktur zu verhindern.
100-prozentige Sicherheit könne es nicht geben, sagte Stromnetz-Geschäftsführer Erik Landeck kürzlich. «Dennoch tun wir das technisch und Menschenmögliche, um unsere Einrichtungen und das Berliner Stromnetz wirkungsvoll zu schützen.» Das soll mit einer Kombination aus Kameratechnik, Sensoren und höheren Zäunen mit Stacheldraht gelingen.
Immer mehr Leitungen wandern unter die Erde
Das Land hat zudem das Ziel ausgegeben, dass bis in die 2030er Jahre alle Stromkabel in Berlin unterirdisch verlegt werden. Schon jetzt gilt das für 99 Prozent. Freileitungen gibt es nur noch wenige, sie sind allesamt im Osten zu finden.
Kritikern geht der Umbau nicht schnell genug. Zudem immer wieder bemängelt, dass es für kritische Stellen im Netz noch keine georedundanten Leitungen gebe - also Kabel mit der gleichen Aufgabe an einem anderen Ort. Stromnetz-Geschäftsführer Landeck betonte im Mai, dass an den beiden Anschlagsorten einige Monate später die Auswirkungen eines Angriffs deutlich kleiner gewesen wären - es wurde bereits an Redundanzen für diese kritischen Punkte gearbeitet.
Landeck kritisierte zudem, dass mit vielen Daten in den vergangenen Jahren zu offen umgegangen worden sei. Die Täter hätten sich mit wenigen Klicks im Internet informieren können, wo wichtige Leitungen verlaufen.